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Die Geschichte von Tjark Evers von Baltrum

28. April 2017, 10:40 Uhr

Dass die See tückisch sein kann, das weiß jeder, der an der Küste wohnt. Eine besonders traurige Geschichte gibt es auf der Insel Baltrum. Die Nordsee nahm einen jungen angehenden Seemann einen Tag vor Weihnachten mit sich. Kurz vor seinem Tod schrieb er seine letzen Worte in ein Büchlein, das heute noch erhalten ist und in seiner Familie weitervererbt wird.

Eine Zigarrenkiste und ein Notizbuch [Quelle: Radio Bremen, Frank Jakobs]
Die Familie von Tjark Evers hat die Zigarrenkiste und das Notizbuch dem Heimatmuseum auf Baltrum zur Verfügung gestellt. [Quelle: Radio Bremen, Frank Jakobs]

Kurz vor Weihnachten hat Tjark Evers eine Idee. Er will seine Familie auf der ostfriesischen Insel Baltrum überraschen. Es ist das Jahr 1866. Der 21-jährige Evers macht gerade eine Ausbildung an der Nautikerschule in Timmel.

Am 22. hat er Timmel verlassen, er ist mit der Kutsche wohl über Aurich nach Westeraccumersiel. Wir nehmen an, dass er in Aurich Zigarren für seinen Vater gekauft hat. Er kam in Westeraccumersiel an und konnte aber nicht mehr nach Baltrum. (Hans Nannen)

Es ist zu dunkel, kein Schiff fährt mehr an diesem Dezemberabend, sagt Hans Nannen vom Heimatverein Baltrum. Erst am nächsten Morgen nehmen Zollfahrer Tjark Evers in einem Ruderboot mit. Dichter Nebel verschluckt die Reisenden. Sie sind dann Richtung Baltrum gerudert, haben den Strand gefunden und Evers von Bord gelassen.

Gestrandet

Nun dauert es nicht mehr lang bis Tjark Evers vor seinen Eltern steht und in die überraschten und freudigen Gesichter seiner Familie blickt. Er läuft los. Aber wohin er auch ging: er hatte immer wieder eine Wasserkante vor sich.

Dem jungen angehenden Seemann wird schnell klar: Er ist nicht auf Baltrum ausgestiegen, sondern auf einer Plate, einer Sandbank. Er ist verloren. Tjark Evers holt sein Notizbuch aus der Tasche, in das er sonst Winkelberechnungen und Sinusfunktionen einträgt. Nun schreibt er einen Brief. Seinen letzten:

Liebe Mutter! Gott tröste Dich, denn Dein Sohn ist nicht mehr. Ich habe das Wasser jetzt bis an die Knie, ich stehe hier auf einer Plat und muss ertrinken, ich bekomme euch nicht wieder zu sehen und ihr mich nicht. Ich stecke dieses Buch in eine Zigarren Kiste. Ich grüße euch zum letzten Mal. Gott vergebe mir meine Sünden und nehme mich zu sich in sein Himmelreich. Amen. Ich bin Tjark Evers von Baltrum.

Tjark Evers wurde nie gefunden

Die Zigarrenkiste ist dann am 3. Januar des nächsten Jahres auf Wangerooge gefunden worden und nach Baltrum geschickt worden, so hat man von dem traurigen Schicksal des Jungen erfahren. Der junge Tjark Honken Evers wurde nie gefunden, erzählt Hans Nannen.

Die Zigarrenkiste und das Notizbuch mit dem letzten Brief an seine Familie gibt es noch. Die Familie hat sie dem Heimatmuseum auf Baltrum als Dauerleihgabe überlassen. Außerdem erinnert ein Sandsteinrelief in der Strandmauer der Insel an die tragische Geschichte des Tjark Evers.

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 29. April, 10.40 Uhr

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