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Das Stadttheater am Wall

6. Juni 2017, 15:40 Uhr

Vielleicht fahren auch Sie jeden Tag mit dem Rad durch die Bremer Wallanlagen, durch die Bischofsnadel in die Stadt. Vorbei am Theaterberg mit seinen weißen Bänken und der Frauenskulptur. Ein schönes Stückchen Bremen. Aber auch noch viel mehr. Denn genau hier im Theatergarten stand fast 100 Jahre lang ein Opernhaus. Claudia Scholz erinnert an das Bremer Opernhaus.

Das ehemalige Stadttheater am Wall in Bremen  [Quelle: Focke Wortmann]
Das ehemalige Stadttheater am Wall in Bremen [Quelle: Focke Wortmann]

Anmutig liegt sie da, unter den wogenden Baumkronen, und schaut auf einen vergessenen Ort. Als Bildhauer Gerhard Marcks seine Aegina 1966 in Bronze goss, da war das Bremer Opernhaus schon längst Geschichte. Und trotzdem ist sie der einzige Hinweis darauf, dass hier im Theatergarten einst die Kunst zu Hause war.

Kein Stein, kein Bild

Nichts erinnert mehr an das Theater, das 1843 feierlich eröffnet wurde. Und so wissen auch nur wenige Bremer, warum der Theatergarten eigentlich so heißt. Aber einen treffe ich zufällig in den Wallanlagen.

Meine Mutter war am Theater und dann drüben am Goetheplatz. Und dann ging sie rüber hier über die Straße, hinterm Gerichtsgebäude, da hatte meine Großmutter einen kleinen Krämerladen, und sie machte auch Schnittchen, Kaffee, Tee und so weiter. Und irgendwann hat mein Vater das entdeckt, wie sie in der Pause dann rüberging. Und plötzlich war er auch im Geschäft meiner Großmutter. Und so haben sie sich kennengelernt“ (Uwe Walter)

Wenn Uwe Walter durch die Wallanlagen läuft, dann denkt er an seine Mutter. Sie war Solotänzerin in der Oper, in dem mächtigen Gebäude mit den dreieckigen Giebeln. Und wer die Augen schließt, der hört vielleicht genau wie er, dass hier noch Musik in der Luft liegt.

 Als erstes wollte ich sehen von Flotow – Martha. Und dann bin ich hingekommen voller Erwartung und steh dann vor der Tür. Und es ist ein großes Schild. Und da steht dran: Wegen Erkrankung eines Schauspielers oder einer Schauspielerin ist es umgelegt. Und dafür gibt es Tiefland. Und das ist ja eine sehr ernste Oper mit langen Arien. Also ich hab von der Vorstellung nicht viel gehabt. Aber beeindruckt hat mich das schöne Haus. (Anna-Frieda Riechel)

Im feinen Zwirn zum Theaterabend

Wallanlagen in Bremen [Quelle: Radio Bremen, Claudia Scholz]
Hier in den Bremer Wallanlagen stand das ehemalige Stadttheater. [Quelle: Radio Bremen, Claudia Scholz]

Anna-Frieda Riechel war 16, als sie zum ersten Mal die kleine Anhöhe zum Opernhaus hinauflief. "Ich fand das gewaltig. Wenn man von Worpswede kam, da gab es solche Häuser nicht." Nach Bremen ist sie mit dem Rad gefahren. Umziehen konnte sie sich bei ihrer Cousine im Fedelhören. Denn natürlich gingen die Damen im Kleid und die Herren im Anzug in die Oper. "Also Theater war ja was Besonderes. Heute kommt man manchmal mit Jeans, also heute kommt man ja ziemlich schlampig."

Aber damals war es ein gesellschaftliches Ereignis, wenn Verdis Troubadour ertönte oder die Heldentenöre Wagner anstimmten. Wagner, der – höchst selbst – mit Frau Cosima 1872 hier seine "Meistersinger" erlebte.

Das klassische Programm passte zum klassizistischen Gebäude. Heinrich Seemann baute es und übernahm es nur 13 Jahre nach der Eröffnung auch schon wieder. Denn der erste Betreiber scheiterte. Unter Karl-August Ritter, Friedrich Feldmann und Angelo Neumann folgten gute Jahre mit Stars wie Jenny Lind und ausverkauften Gastspielen.

Nichts als ein Trümmerberg

1920 übernahm schließlich die Stadt die Oper, in der NS-Zeit wurde es zum Staatstheater. Und dann, am 6. Oktober 1944, fielen die Bomben. Zerstörung überall in der Innenstadt. "Hinterher hab ich den Trümmerberg und die hohen Fenster gesehen, was da noch stand, die Reste – da hätt ich heulen können", erzählt Anna-Frieda Riechel.

Wallanlagen in Bremen: die Skulptur "Aegina" von Gerhard Marcks [Quelle: Radio Bremen, Claudia Scholz]
"Aegina", eine Skulptur von Gerhard Marcks. Früher stand an dieser Stelle in den Bremer Wallanlagen das Stadttheater. [Quelle: Radio Bremen, Claudia Scholz]

Die Kunst fand ihren Weg, auch im ausgebombten Bremen wurde Theater gespielt. Aber wieder aufgebaut wurde nur das heutige Theater am Goetheplatz, sagt Frank Schümann, der ein Buch über das Bremer Theater geschrieben hat.

Man hat sich damals überlegt, welches Theater man wieder aufbaut. Die Stadtoberen waren der Meinung, dass beide Gebäude zwar als zerstört galten, dass die Substanz hier aber sich besser eignen würde. Außerdem gab es Überlegungen, die beiden Sparten Schauspiel und Oper an einem Ort zusammenzuführen. (Frank Schümann)

Ein Theater startete also in eine bewegte Zeit mit Regisseuren wie Zadek und Fassbinder, das andere verschwand  – spurlos.

Ein Beitrag von Claudia Scholz:
Das Stadttheater am Wall [3:34 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 6. Juni, 15:40 Uhr

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