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Schauplatz Nordwest

Puffhunde im Fenster

25. Juli 2017, 10:45 Uhr

Zwei Cockerspaniel aus Staffordshire-Porzellan, die einander anschauen – so zwischen 15 und 30 Zentimeter hoch. Diese Kaminhunde waren vor mehr als 100 Jahren ein beliebtes Mitbringsel aus England. Es gab sie früher in jedem ostfriesischen Seefahrer-Haushalt. Heute sind sie nicht mehr so oft zu sehen. Das hat einen besonderen Grund, der im Deutschen Sielhafenmuseum in Carolinensiel erklärt wird. Dort gibt es noch ein einziges Paar.

Carolinensiel Porzellanhund [Quelle: Deutsches Sielhafenmuseum]
Einer der Porzellanhunde aus dem Sielhafenmuseum in Carolinensiel [Quelle: Deutsches Sielhafenmuseum]

Vom Carolinensieler Hafen aus starteten Schiffe in die ganze Welt. Auch nach England. Von dort brachten die ostfriesischen Seeleute die Kaminhunde mit. Wilhelm Hinrichs ist Museumslotse im Deutschen Sielhafenmuseum in Carolinensiel:

Vom Kapitän bis zum Matrosen war es Pflicht, dass sie so einen Hund – zwei gehörten dazu – mitbrachten für ihre Mutter. Diese Hunde gibt es in ganz verschiedenen Formen. Kleinere. Größere. Und dann sind sie oftmals mit Goldbronze bepinselt. Goldene Ohren, goldene Nasen, oder sie haben sogar Goldtupfen.

Mal guckt er rein, mal guckt er raus

Zwei Puffhunde [Quelle: Fehn-und Schiffahrtsmuseum Westrhauderfehn]
Kaminhunde im Rotlichtmilieu? [Quelle: Fehn-und Schiffahrtsmuseum Westrhauderfehn]

Doch das Museum hat nur ein einziges Paar in der Vitrine stehen. Und auch andernorts sind sie heute rar. Zuvor hatte nämlich ein Gerücht die Runde gemacht. Die possierlichen Porzellanhunde seien in englischen Bordellen verkauft worden, um die verbotene Prostitution zu kaschieren. Das brachte ihnen den Spitznamen "Puffhunde" ein. Allerdings, so glaubt Museumslotse Wilhelm Hinrichs, haben nicht die Engländer, sondern das niederländische Rotlichtmilieu die Kaminhunde "zweckentfremdet":

Also, wenn so ein Hund im Fenster stand und guckte nach draußen – dann war die Dame frei. Und er guckte nach innen – ich will es jetzt nicht sagen – dann war sie belegt. Diese Story breitete sich auch ganz schnell an der ostfriesischen und an der gesamten Nordseeküste aus, so dass dann die Hausfrauen sehr erbost waren, und viele Hunde wurden entfernt oder kaputt geschlagen.

Der Sammler Bernhard Brahms nennt gut 40 Puffhunde sein Eigen – einige brachte sein Großvater heim. Die Puffhunde stellen Cocker Spaniels dar, wie auch die englische Königin einen besaß.

Die Victoria, die hatte einen Hund, das war ihr Lieblingshund. Das war so ein Spaniel. Und der hieß Dash. Und alles, was der Hof hatte, das liebte das Volk ja auch. Und so ist der Hund so populär geworden. Dass jeder so einen Hund haben wollte. Der stand in allen Familien.

Porzellan-Puffhunde als Massenprodukt

Und diese Popularität, so ist der Emder überzeugt, nutzten die englischen Prostituierten aus. Durch das Verbot der Prostitution hätten die Engländer – genauer gesagt die prüden Viktorianer – die geradezu massenhafte Produktion der Porzellan-Puffhunde in Gang gesetzt. Kontrollierte die Polizei das sogenannte horizontale Gewerbe – dann hatten die "leichten" Damen sich eben nur als Souvenirverkäuferinnen betätigt:

Dann sagten die Frauen: "Was wollt Ihr denn? Die haben hier Hunde gekauft. Der beste Souvenirartikel, den England hat, und die Fremden nehmen das mit nach Deutschland." Und so konnte keiner was sagen.

Familien, die heutzutage noch Puffhunde besitzen, gedenken mit einem leichten Augenzwinkern ihrer maritimen Vorfahren, die sie mitbrachten. Woher auch immer sie sie hatten.

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 26. Juli 2017, 17.20 Uhr

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