Livestream

Serien Schauplatz Nordwest

Schauplatz Nordwest

Der Pranger in Remels

12. April 2017, 15:40 Uhr

Ein Halseisen an einer Kette, ein steinernes Podest: Das ist der Pranger an der Nordseite der Sankt Martinskirche im ostfriesischen Remels. Und dieser Pranger sorgt bis heute für Gesprächsstoff, stellte Reporterin Hanne Klöver fest.

Pranger von Remels  [Quelle: Radio Bremen, Hanne Klöver]
Pranger von Remels [Quelle: Radio Bremen, Hanne Klöver]

"Jemanden an den Pranger stellen": Das ist heutzutage nur noch eine Redensart, sollte man denken. Aber der Pranger an der Sankt Martinskriche in Remels regte einen kanadischen Künstler zu einer besonderen Aktion an. Er schnitzte einen lebensgroßen Menschen und stellte diesen samt einer Schale mit Holzkugeln daneben auf. Das Ensemble versah er mit einem bekannten Bibelzitat, berichtet Pastor Heinrich Wienbeuker:

"Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Dann stand dieser Holzmann vielleicht ein Jahr so. Geworfen hat natürlich keiner. Aber es gab Leute, die sich richtig aufgeregt hatten. Was soll das? So ein Mensch da. Wer soll denn darauf werfen? Wer ist ohne Sünde?

Kirchliche Gerichtsbarkeit

Solche Gedanken machten sich die Menschen im Mittelalter wohl kaum, wenn das kirchliche Strafgericht jemanden im wahrsten Sinne des Wortes an den Pranger stellte. Kirchenführerin Rita Hagedorn:

Man hat es früher oft gehabt, dass die niedrige Gerichtsbarkeit – also die kleineren Vergehen – von der Kirche selbst geregelt wurden. Das Sendgericht nannte man das. Das Sendgericht ist ein kirchliches Gericht. Über die Kirche wurden dann diese Urteile gesprochen und dann hier verhängt.

Bestraft  wurden Menschen, die das friedliche Zusammenleben in der Gemeinde gefährdeten: Leute, die kleinere Vergehen, wie Gotteslästerung, Diebstähle oder Zechprellerei begangen hatten, kamen an den Pranger. Der Lokalhistoriker Garrelt Garrels erinnert sich, dass noch bis in die 1970er Jahre Männer und Frauen getrennt in der Remelser Kirche saßen und auch getrennte Eingänge nutzten. Das hatte auch für den Pranger Bedeutung: "Die Frauen kamen von der Nordseite und haben ihren Platz gehabt, während die Männer von der Südseite kamen. Die haben auch an der Südseite gesessen."

Warnung für rachsüchtige Frauen

Und weil Frauen vielleicht als rachsüchtiger galten, so mutmaßt Garrelt Garrels, wurde der Pranger in Remels an der Nordseite der Sankt Martinskirche angebracht. Denn dort ging jede Kirchgängerin zwangsläufig durch die heute zugemauerte Tür, auch wenn davor gerade ein Mann oder eine Frau am Pranger stand.

Bestrafung von sündhaftem Verhalten – unmittelbar und direkt neben der Kirchentür, hinter der Gottesdienst gehalten wurde. Zu verstehen ist das nur aus der Geschichte der katholischen Theologie heraus, meint Pastor Heinrich Wienbeuker. Zur Bestrafung jemanden an den Pranger stellen? In Remels bewarf niemand die Holzpuppe – aber von der Halskette und dem steinernen Podest hat sich die Kirchengemeinde nicht getrennt. Wohl als Erinnerung an die in diesem Punkt nicht allzu gute alte Zeit.

Dieses Thema im Programm: Nordwestradio, 12. April, 15:40 Uhr

Zur Hauptseite von Schauplatz Nordwest:
Schauplatz Nordwest

Schauplatz Nordwest