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Die Kolke im Kehdinger Land

4. August 2015, 14:40 Uhr

Am alten Elbedeich im Kreis Stade liegt das Naturfreibad Krummendeich. Ein hübscher See mit Sprungturm und Badeinsel, Spielwiese und Kiosk. Allerdings kein Baggersee, sondern das Überbleibsel einer schweren Sturmflut. "Kolk" oder "Brack" werden diese kleinen Seen entlang des Deichs genannt. Kristin Hunfeld hat sich das Phänomen in Krummendeich angesehen.

Naturschwimmbad Krummendeich [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
HInter dem Elbedeich bei Stade liegt das Naturschwimmbad Krummendeich. Der See ist ein sogenannter Kolk, entstanden bei der Sturmflut 1825. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Im Februar 1825 kam das Wasser über den Elbdeich. Es stieg über die Deichkrone, drehte sich hinter dem Deich nach innen und spülte die Erde hoch, wieder in Richtung Wasser. So entsteht ein Kolk, erzählt Ingo Voss, Wahl-Krummendeicher seit über vierzig Jahren.

Kolk oder Brack, wir haben mehrere Ausdrücke dafür. Und dann ist der Deich geschlossen worden, und der neue Deich ist dann um den Kolk herumgebaut worden. Deswegen ist hier dieser große Bogen im Deich.

Fünf solcher Kolke sind 1825 allein zwischen Krummendeich und Balje entstanden. Sie wurden damals den Bauern zugesprochen, auf deren Land sie lagen. Gleichzeitig – so ist es nachzulesen in der Dorfchronik von Krummendeich – "hatte sich schon die Spekulation bemächtigt, um Fuhrgeld zu erpressen". Ingo Voss übersetzt, was gemeint ist:

Die Wege am Deich waren Sandwege und durch die Bracks waren die unterbrochen, das heißt, die Bauern konnten nicht zu ihrem Feld. Und da haben sich schon Spekulanten bereitgelegt, um sie kostenpflichtig zu transportieren. Und das ist von behördlicher Seite unterbunden worden, indem Leute angestellt wurden, die für Tageslohn diese Fahrten denn gemacht haben.

Wassermassen verschlangen zwei Bauernhäuser

Naturschwimmbad Krummendeich [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Schwimmmeisterin Ivonne Meyer und Wahl-Krummendeicher Ingo Voss im Naturschwimmbad Krummendeich [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Im heutigen Naturfreibad kostet der Besuch einen Euro, Kinder unter sechzehn zahlen gar nichts. Die Kuhle, wie sie in Krummendeich sagen, ist ein kleines Idyll, mit Seerosen, Schilfinseln und Weiden am Ufer. Man ahnt nicht, dass bei dem Deichbruch 1825 zwei Bauernhäuser unter den Wassermassen verschwanden. Sie wurden völlig zerstört, erzählt Ingo Voss.

Hier ist mal die Bundeswehr getaucht, bis sechsundzwanzig Meter haben die hier getaucht, da standen also Pflüge und alles Mögliche noch unten drinne. Aber die Leute, die da drin gewohnt haben, sind gerettet worden, denen ist nichts passiert. In der Kuhle nebenan, da ist eine Scheune gewesen. Und da sind noch Jahre danach immer mal wieder Holzbalken und Bretter hochgekommen.

Günther Ahlf findet heute keine Balken und Bretter mehr. Dafür Karpfen, zum Teil sehr alte, und Hechte, die er jeden Tag füttert. Die Kuhle nebenan, deutlich kleiner als das Naturfreibad, und von Schilf, Erlen und Weiden umstanden, ist nämlich seine.

Die hat mein Vater Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre gekauft. Das war Abenteuer, einfach toll. Urlaub gab’s nicht, wie das bei vielen so war, aber wir haben auch nichts vermisst. Wir sind hier Schlittschuh gelaufen, wir haben gebadet, wir sind getobt, Blödsinn gemacht, alles. Ich bin damit verwachsen und verwurzelt, das ist ein Stück Heimat, und das ist einfach toll.

Deichbau hat die Landschaft verändert

Einen nachgebauten Kolk mit krummem Deich herum gibt es auch auf dem Außengelände des Natureum Niederelbe in Balje. Und ein großes Modell, das die Folgen von Sturmfluten simuliert. Neue Kolke, sagt die Leiterin des Natureum, Clivia Häse, können dabei nicht mehr entstehen. Denn nach der Sturmflut von 1962 wurden Deichlinien begradigt, Deiche erhöht und Sperrwerke gebaut. Das hat die Landschaft entscheidend verändert.

Naturschwimmbad Krummendeich [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Idyll hinterm Elbedeich: Das Schwimmbad Krummendeich. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Längst schützt ein neuer Deich direkt an der Elbe die Menschen im Kehdinger Land. Schnurgerade verläuft er an der Elbe entlang, fünf Kilometer nördlich vom alten Winterdeich zwischen Freiburg an der Elbe und Balje. Krumm war der übrigens auch schon vor der Entstehung der Kolke 1825, sagt Ingo Voss.

…weil die Angriffsfläche bei den Deichen damals dann geringer war. Während Deiche heute eine Breite von fast 150 Meter im Fuß haben und acht Meter hoch sind, besteht die Gefahr nicht mehr…Krummendeich hieß es schon, bevor dieser Deich repariert worden ist.

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