Livestream

Serien Schauplatz Nordwest

Schauplatz Nordwest

Das Ibbrigheim in Bremerhaven

2. Februar 2016, 14:40 Uhr

Die Ibbrigstraße im Bremerhavener Stadtteil Geestemünde ist eine kleine, ruhige Wohnstraße. Dass sie eine ziemlich bewegte Geschichte hat, würde man nicht unbedingt vermuten. Und doch fällt da dieses langgestreckte Gebäude mit den Treppengiebeln ins Auge, das die Straße bestimmt: Das ehemalige Ibbrigheim, 1930 gebaut als Heim für ledige Arbeiterinnen der Fischindustrie. Catharina Spethmann hat sich für uns umgehört.

Das Ibbrigheim in Bremerhaven [Quelle: Stadtarchiv Bremerhaven]
Das Ibbrigheim in Bremerhaven wurde 1930 für ledige Arbeiterinnen in der Fischindustrie gebaut. [Quelle: Stadtarchiv Bremerhaven]

Die Lebensgeschichte von Carmen Wieger ist eng verknüpft mit dem Ibbrigheim. 1963 kam sie als 18-jährige aus Spanien nach Bremerhaven, um in der Fischindustrie zu arbeiten. Sie weiß noch gut, wie es damals im Ibbrigheim aussah: lange Gänge, viele Zimmer – eher spartanisch. Jede Frau bekam einen Spind für Geschirr, die Wäsche wurde im Waschbecken gewaschen.

Gedacht habe ich gar nichts, denn wir wussten: Wir kommen nicht nach Deutschland, um gut zu leben. Wir kommen nach Deutschland, um zu arbeiten. Da wohnen wir, und nach einem Jahr verschwinden wir.

Doch sie verlängerte ihren Vertrag und blieb für sechs Jahre. Denn an die harte Arbeit hatte sie sich gewöhnt, und im Ibbrigheim war es manchmal sogar ganz schön: Frauen aus Spanien und Portugal, der Türkei oder Jugoslawien – man lebte zusammen, teilte Küche und Dusche, manchmal wurde zusammen gekocht. "Wir haben uns prima verstanden."

Stockfisch im Koffer war unerwünscht

Ordnung und Sauberkeit im Haus kontrollierte die Heimleitung. Aus der Mitarbeiter-Zeitschrift des Fischverarbeiters Nordsee aus dem Jahr 1963, die eine Ausgabe den spanischen Arbeiterinnen widmete:

Kurz nach der Ankunft der ersten Spanierinnen verbreitete sich im Ibbrigheim vernehmlicher Mief. Heimleiter Schulz ging der Sache nach und entdeckte die Duftquelle in den Koffern und Schränken: Stockfisch. Die Schwarzäugigen hatten sich vorsorglich mit ihrem Nationalgericht bevorratet. "Kinder, das geht nicht, das muss hier raus." Also hingen sie die harten Sachen vor die Fenster. Prompt kamen die Möwen scharenweise, flogen Sturzflug nach Sturzflug. Heute vermissen die Töchter des Südens das Mitbringsel längst nicht mehr.

Wohnheim für Zwangsarbeiterinnen

Das Ibbrigheim wurde 1930 gebaut, für ledige deutsche Fischarbeiterinnen. Damals dachte noch niemand daran, dass Frauen aus fremden Ländern zuwandern könnten. In den ersten Jahren war es mehr schlecht als recht belegt. Im Krieg wurden dort ausländische Zwangsarbeiterinnen untergebracht. Ihre Kinder und die der Zwangsarbeiterinnen aus den Dörfern um Bremerhaven – rund 40 Säuglinge und Kleinstkinder – lebten in Baracken im Hof. Sie kamen beim großen Bombenangriff auf Bremerhaven am 18. September 1944 ums Leben. Eine Zeitzeugin erinnerte sich später:

Anhand der übriggebliebenen Eisenbettgestelle wussten die Mütter, welches Kind ihnen gehörte. Im Laufe des nächsten Tages sahen wir dann, wie die Mütter ihre Kinder, von denen nur noch verkohlte, schwarze Stummel übriggeblieben waren, in ihre Kopftücher eingewickelt im Arm tragend, weinend und klagend liebkosten. Diesen Anblick und den lauten Klagegesang der Mütter werde ich nie vergessen. Es war das schrecklichste Erlebnis meines Lebens.
Das  Ibbrigheim in Bremerhaven [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]
Das Ibbrigheim wurde renoviert und in Wohnungen umgewandelt. [Quelle: Radio Bremen, Catharina Spethmann]

Eigentumswohnungen im Ibbrigheim

Heute sieht das ehemalige Ibbrigheim schmuck und frisch verputzt aus – zartgrau gestrichen, die Vorsprünge der Treppengiebel korallenrot und mit dunkelgrauen Schmuckleisten abgesetzt. Die alten Tür-Ummauerungen aus braunglasierten Ziegeln sehen noch aus wie 1930. Carmen Wieger ist 1979 – inzwischen verheiratet – zurückgekehrt, als das Haus in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde:

Wenn ich so alleine bin, denke ich: Ist komisch, kommst dahin und denkst,ach, ich bleib hier nur ein Jahr und dann verschwinde ich. Und dann hier in diesem Haus, mit so vielen Leuten, und in der Küche kocht die eine dies, die andere kocht das, tausend Gerüche! Und dann, als ich hierhergekommen bin, da habe ich gesagt: Du bist doch wohl nicht ganz bei Sinne – gehst wieder nach Ibbrigheim. Und so bin ich heute noch hier.

Zur Hauptseite von Schauplatz Nordwest:
Schauplatz Nordwest

Schauplatz Nordwest