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Der Alte Fritz im Niemandsland

1. Juli 2014, 17:40 Uhr

Ostfriesland war von 1744 bis 1806 unter preußischer Herrschaft. Etwas mehr als vier Jahrzehnte hatte der "Alte Fritz", also König Friedrich II., das Sagen über die Ostfriesen. Daran erinnert in Emden  noch heute sein Standbild. Das hat es allerdings an einen ungewöhnlichen Standort verschlagen: An die sogenannte "Knock", weit weg vom Stadtkern.

Statue von Friedrich dem Großen in Emden im Sonnenuntergang [Quelle: Tourist-Information und Mobilitätszentrale Emden]
Die Statue von Friedrich dem Großen in Emden an der Knock. [Quelle: Tourist-Information und Mobilitätszentrale Emden]

Ursprünglich stand das Denkmal Friedrichs II. direkt vor dem alten Emder Rathaus, das heute das Ostfriesische Landesmuseum beherbergt. Doch diese zentralistischen Zeiten sind vorbei. Ganz seinem einstigen Status angepasst blickt der Preußenkönig nun, auf einem rund 1,50 Meter hohen Sockel stehend, einsam vom Deich aus über die ostfriesische Weite. Mehr als zehn Kilometer ist er hier vom Zentrum Emdens entfernt. Weshalb nur haben die Ostfriesen den Preußenkönig "in the middle of nowhere", also praktisch im Niemandsland abgestellt?

Statt Preußens Gloria geben an der Knock allein Möwen und Wind den Ton an. Ab und zu scheint der Alte Fritz sogar ein Landeplatz für Vögel zu sein. Das lassen weiße Flecke vermuten, die hier und da auf dem von grüner Patina überzogenen Bronzestandbild zu sehen sind.

Unbeliebt durch Teeverbot?

Ostfriesen verbinden mit dem Preußenkönig heute vor allem eines: Seinen Versuch, ihnen das Teetrinken zu verbieten. Das Dekret aus dem Jahr 1778 liegt noch heute im Staatsarchiv Aurich. Archivar Michael Hermann kann daran belegen: Das Geld sollte im Lande bleiben und nicht für Genussmittel ins Ausland gehen.

"Der Gebrauch des Tee und Kaffee in hiesiger Provinz ist so übermäßig, dass bei dem jetzigen Fortdauern des allgemeinen Gebrauchs dieses nahrlosen Getränks der innerliche Reichtum des Landes geschädiget wird",

Sollten die Ostfriesen wegen des Teeverbots so nachtragend sein und den bronzenen Monarchen deshalb in die Einöde geschickt haben? Wohl kaum.

Schlossbau mit ostfriesischem Steuergeld

Die ostfriesischen Landstände hatten den Preußenkönig  im 18. Jahrhundert selbst ins Land geholt. Die Beamten des Soldatenkönigs brachten die damals desaströse Finanzlage Ostfrieslands wieder auf Vordermann. Gleichzeitig wird gemunkelt, Schloss Sanssouci sei zum großen Teil mit ostfriesischen Geldern finanziert worden. Der Historiker Thorsten Melchers zum Beispiel ist dieser Ansicht: "Gerade der Bau von Sanssouci wurde zum guten Teil aus der königlichen Dispositionskasse gedeckt. Und das war auch Geld aus Ostfriesland", sagt er.

Fristet der bronzene Friedrich II. deshalb sein Dasein am Deich? Das wäre die reine Verschwendung – denn kunsthistorisch ist das Standbild eine Kostbarkeit, sagt der emeritierte Göttinger Professor für Kunstgeschichte, Karl Arndt: "Weil er darauf als der schwungvolle junge Mann dargestellt ist, der er auch war. Also nicht bloß als der Krieger, sondern auch als der Philosoph und  Schriftsteller und Musiker".

Herrscherbilder mussten weg

Nach dem großen Bombenangriff im Herbst 1944 lag Emden weithin in Schutt und Asche. Der Alte Fritz und neben ihm die Bronze seines Urgroßvaters trotzten den Bomben. Inmitten von Ruinen blieben sie im Stadtzentrum unversehrt stehen. Ein Zufall natürlich. Aber eben  dieser Zufall besiegelte ihr weiteres Schicksal, mutmaßt Karl Arndt: "Sie sind danach abgeräumt und auf den städtischen Bauhof abgefahren worden. Denn die politische Stimmung kippte. Man wollte mit dem "alten Adel" jeder Art nichts mehr zu tun haben. Es gab Theorien, die von Friedrich dem Großen über Bismarck bis zu Hitler eine gerade politische Linie ziehen. Also: Die Standbilder aus dem Emder Stadtbild mussten weg."

Erst 1969 fand Friedrich der Große zusammen mit dem Großen Kurfürst seinen Platz an der Knock. Karl Arndt könnte sich vorstellen, dass der Alte Fritz und auch der Große Kurfürst eines Tages wieder in der Innenstadt stehen: "Zumal sie an der Knock der Witterung wahnsinnig ausgesetzt sind. Manche Emder sagen mir dann: 'Ja, da fahren wir doch öfter mal hin'. Aber wenn ich dort war, habe ich eigentlich niemanden gesehen."

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