Fernsehen Tatort Die Fälle

Tatort "Im toten Winkel"

Reaktionen auf Tatort erstmals wissenschaftlich ausgewertet

Forschergruppe analysiert knapp 10.000 Kommentare

2. Oktober 2019

Dass Tatort-Folgen polarisieren und für Diskussionsstoff sorgen, ist nichts Neues. Aber dass Kommentare wisschenschaftlich analysiert und eine Auswertung an die Politik weitergegeben wird, schon.

Horst Claasen sitzt auf dem Bett neben seiner toten Frau und telefoniert. [Quelle: Radio Bremen, Christine Schröder]
Horst Claasen (Dieter Schad) alarmiert die Polizei, nachdem er aus Verzweiflung seine Frau (Liane Düsterhöft) getötet hat. [Quelle: Radio Bremen, Christine Schröder]

Wiederholungen Tatort "Im toten Winkel"

Freitag, 11. Oktober 2019, 22 Uhr | Das Erste
Samstag, 12. Oktober 2019, 0:00 Uhr | One
Erstsendung: 11. März 2018

Die Tatortfolge "Im toten Winkel" von Radio Bremen stieß auf große öffentliche Resonanz. Das Zentrum für Alterns- und Pflegeforschung der Universität Bremen hat knapp 10.000 Zuschauerreaktionen ausgewertet und das Ergebnis an Entscheidungsträger in der Politik weitergeleitet.

Wir haben den Bericht jetzt erstmal bundesweit gestreut, an alle Parteien und die einschlägig Verantwortlichen. Schauen wir mal, was passiert.

Prof. Dr. Stefan Görres, Leiter Zentrum für Alterns- und Pflegeforschung der Universität Bremen

Schwächen des deutschen Pflegesystems aufgedeckt

Der Tatort thematisiert die häusliche Pflegesituation und sorgte mit dem Thema für Betroffenheit und eine hohe Zuschauerreaktion. Im Fokus standen dabei unter anderem die Situation pflegender Angehöriger und die Versorgung von außerklinisch beatmeten Menschen. Das Forschungsteam um Prof. Stefan Görres befindet, dass der Tatort "Im toten Winkel" sowohl mit dem bezeichnenden Titel als auch mit der Dramaturgie die Schwächen des deutschen Pflegesystems in zugespitzter Form und schonungslos aufgedeckt habe:

Sowohl die pflegenden Angehörigen als auch die professionell Pflegenden fühlen sich zu wenig wertgeschätzt und regelrecht im Stich gelassen, vor allem seitens der Politik, den Leistungsträgern und den Leistungserbringern. Viele Zuschauer und Zuschauerinnen fanden die gezeigten Szenen angesichts der eigenen Erfahrungen sogar als noch viel zu harmlos dargestellt: Die Wirklichkeit ist noch schlimmer.

Pflegenotstand schürt Ängste vor Alter und Pflegebedürftigkeit

Im Film ist zynischerweise vom Wunsch nach "sozialverträglichem Frühableben" die Rede, wenn es um die Angst vor Alter und Pflegebedürftigkeit sowie die Ungewissheit geht, ausreichend gepflegt und versorgt zu sein. Viele Zuschauer und Zuschauerinnen seien der Meinung, dass das Gesundheitssystem in Deutschland zunehmend schwächelt und die Pflege am Boden liegt, so das so das Resultat der Auswertung. Der Film habe bei vielen Zuschauern und Zuschauerinnen in unterschiedlicher Weise sehr emotionale Reaktionen ausgelöst:

Angefangen von tiefer Traurigkeit und Betroffenheit über schlichte Resignation bis hin zu Wut über Defizite in der Pflege und mangelnde Sensibilität der Politik. Die gegenwärtige Situation in der Pflege macht vielen Angst vor Alter und Pflegebedürftigkeit und schürt die Ungewissheit, im Alter nicht ausreichend gepflegt und versorgt zu sein. Und genau das – so das Fazit der Studie – wird offensichtlich von der Politik deutlich unterschätzt.

Quelle: Prof. Dr. Stefan Görres, Universität Bremen Campus GmbH, UBC-Zentrum für Alterns- und Pflegeforschung

Uni Bremen: Auswertung von Zuschauerreaktionen auf Tatort "Im toten Winkel" Uni Bremen: Interdisziplinäre Alterns- und Pflegeforschung

Tatort: Im toten Winkel

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