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Rabiat

Türken, entscheidet Euch!

Türkischer Pass oder der deutsche?

24. August 2019, 0:15 Uhr | Tagesschau24

Rabiat-Reporterin Gülseren Ölcüm nimmt die Zuschauerinnen und Zuschauer in der Radio-Bremen-Reportage „Türken, entscheidet Euch!“ mit in die Welt von rund 2,8 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Eine zerrissene Welt voller Verunsicherung, seit die Türkei sich mehr und mehr von demokratischen Werten und von  Europa entfernt. Welche Rolle Erdogan spielt? Eine sehr große. Es gibt einen Bekenntniszwang: Deutsche Verfassung oder Erdogan? Türkischer Pass oder der deutsche? 

Ünsal Arik und Gülseren Ölcüm [Quelle: Radio Bremen, Andy Lehmann]
Rabiat-Reporterin Gülseren Ölcüm im Gespräch mit Ünsal Arik in seinem Boxstudio in Berlin. [Quelle: Radio Bremen, Andy Lehmann]

"Türke bleibt Türke, auch wenn er in Deutschland geboren ist", meint Ünsal Arik, Profi-Boxer. Seine Staatsbürgerschaft interessiert ihn wenig. "Ich bleibe doch immer derselbe Ünsal, egal, welchen Pass ich habe." Der 37-Jährige ist ein Mann des Wortes, mit seiner Kritik an Erdogan zieht er den Hass der Landsleute auf sich. So gab es Zeiten, in denen er über Personenschutz nachdachte und ihm sein Box-Sponsor jegliche Unterstützung kündigte. Trotzdem boxt er weiter – inzwischen für die Türkei. In den Reihen der Erdogan-Gegner finden sich wegen Ünsal Ariks unbequemen Ansichten ebenfalls viele Feinde. Ist er eine Ausnahme oder vielleicht doch einer von vielen?  

Aber was ist, wenn man sich nicht entscheiden kann oder will? Und was ist, wenn man beides mag? Deutschland und die Türkei? Gülseren Ölcüm ist das beste Beispiel. Sie hat die doppelte Staatsbürgerschaft und könnte sich für keine entscheiden. Eigentlich stellt sich für sie die Frage nach dem Bekenntnis und der Loyalität gar nicht. Aber überall wird sie auf das Thema angesprochen. Ihr reicht’s. Sie will wissen, was eigentlich los ist mit ihr und mit den Deutsch-Türken hierzulande. Eine sehr persönliche Reise zwischen Erkenntnisgewinn und Zweifel.  

Entlassen wegen Pro-Erdogan-Parolen

Esma Akkus [Quelle: Radio Bremen, Andy Lehmann]
Ihren Job bei der Sparkasse hat Esma Akkus wegen eines Kommentars im Internet verloren. Heute arbeitet sie als Sprecherin für die AKP in Deutschland. [Quelle: Radio Bremen, Andy Lehmann]

Esma Akkus beispielsweise wurde entlassen. Weil sie in ihrem YouTube-Kanal mit Pro-Erdogan-Parolen provoziert. Ihr Arbeitgeber, die örtliche Sparkasse, fand das nicht so witzig. Esma findet das ungerecht. Warum interessieren sich Deutsche plötzlich für türkische Innenpolitik? Warum darf man in einem Land mit Meinungsfreiheit seine Meinung dann nicht sagen, wenn sie nicht mehrheitsfähig ist? "Noch vor einem Jahr hätte ich nie darüber nachgedacht", sagt die gebürtige Kölnerin, "aber jetzt wandere ich wohl aus in die Türkei."

Nihan ist YouTuberin und macht Videos zu Beauty, Fashion und Lifestyle. Im September 2017 interviewte sie Martin Schulz – damals noch Kanzlerkandidat der SPD. Jahr für Jahr dekoriert sie ihre Wohnung weihnachtlich, Jahr für Jahr bekommt sie dafür einen Shitstorm. Denn: Türken und Muslime machen das ja nicht. Eigentlich will sich Nihan gar nicht politisch äußern, aber das ist heutzutage gar nicht mehr so einfach: "Die Leute akzeptieren nicht, wenn ich einfach sage, ich bin ein Mensch."

Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und seit den 1990er Jahren in Deutschland. Seine Eltern sind damals aus der Türkei geflohen. Zur Türkei hat er ein gespaltenes Verhältnis. "Ich glaube, diese Orientierung auf die Türkei ist inzwischen zu einem großen Problem geworden", sagt Ismail. Sich aber nicht dazu äußern, das kann er sich nicht leisten. Zu hoch der Erwartungsdruck. Und wenn er sich äußert, dann muss er aufpassen, dass er nicht von einer politischen Seite instrumentalisiert wird.

Deutsch-Türken, Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund oder einfach nur Deutsche?

Radio Bremen wird rabiat. Der Sender bringt ein Reportageformat ins Erste, das jungen Reporterinnen und Reportern die Möglichkeit gibt, ihre Geschichte für ein großes Fernsehpublikum zu erzählen. Die Autorinnen und Autoren sind preisgekrönt, nominiert, mindestens aber auffällig. Journalistinnen und Journalisten mit Haltung und Tiefgang im On, die auch mal voll in die Kamera sprechen.

Länge: 39 Sekunden
Datum:
Sendereihe: Online | Radio Bremen

Esma, Ünsal ,Nihan, Ismail und Gülseren sind Deutsch-Türken, Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund oder einfach nur Deutsche. Es wäre schön, schnell das passende Label zu finden. Aber so einfach ist das leider nicht - schon gar nicht heutzutage. Ja, Gülseren isst kein Schweinefleisch und mit Alkohol hat sie es auch nicht so. Zum Türken geht sie in Deutschland nur selten, aber ihr Hochzeitskleid kauft sie in der Türkei – weil Mama da besser handeln kann. Und für alles und jedes muss sie sich mittlerweile verantworten, muss erklären – manchmal auch wildfremden Menschen. Eigentlich müssten Menschen wie sie doch längst darüber hinaus sein. Aufgewachsen mit zwei Sprachen, zwei Kulturen. Trotzdem wird ihr von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, aber auch von der deutsch-türkischen Community ein Bekenntniszwang aufgedrängt: Wie stehst du zu Erdogan? Warum trinkst du keinen Alkohol? Wie, du heiratest einen Deutschen? Und so ist Gülseren Ölcüms Rabiat-Reportage "Türken, entscheidet Euch!" ein ganz persönlicher Blick auf die eigene Identität in der Krise. Eine Krise, die womöglich vielen Deutsch-Türken vertraut sein dürfte.

Ein Radio-Bremen-Film von Gülseren Ölcüm.

Stabliste
AutorinGülseren Ölcüm
Redaktionelle MitarbeitEbru Tasdemir
KameraAndy Lehmann und Ilhan Coskun
TonJulian Kiesche und Max Bartusch
SchnittChristof Kette
ProducerManuel Möglich und Christian Tipke
ProduktionsleitungMichael Kappler
RedaktionMichaela Herold (Radio Bremen)
LeitungThomas von Bötticher (Radio Bremen)

Eine Produktion der Sendefähig GmbH im Auftrag von Radio Bremen für Das Erste © 2018.

Rabiat – neues junges Reportageformat von Radio Bremen

Radio Bremen wird rabiat. Der Sender bringt ein Reportageformat ins Erste, das jungen Reporterinnen und Reportern die Möglichkeit gibt, ihre Geschichte für ein großes Fernsehpublikum zu erzählen. Die Autorinnen und Autoren sind preisgekrönt, nominiert, mindestens aber auffällig. Journalistinnen und Journalisten mit Haltung und Tiefgang im On, die auch mal voll in die Kamera sprechen. Öffentlich-rechtliche Werte hat das Team verinnerlicht, doch die Schmerzgrenze liegt woanders. Der Fokus richtet sich auf die teilnehmende Beobachtung, das Kennenlernen, das Erleben.

Die Macherinnen und Macher werden mit ihrer subjektiven Erzählweise Zuschauerinnen und Zuschauern auch mal vor den Kopf stoßen. Sie bauen Klischees in den Filmen auf, um sie postwendend zu brechen. Neue Sichtweisen sollen sich eröffnen. Die Filme wollen, sollen, ja sie müssen polarisieren, denn das macht gute Geschichten aus.

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