Fernsehen 3nach9

3nach9-Jubiläum

45 Jahre lang "Leben in der Bude"

20. November 2019

Die älteste deutsche Talkshow feiert Geburtstag. Am 19. November 2019 ist es 45 Jahre her, dass die erste Ausgabe von 3nach9 ausgestrahlt wurde. Hier ein paar Fakten und Anekdoten aus der Geschichte von 3nach9 und natürlich die Jubiliäumssendung, die auf den Tag genau im Rahmen der neuen "Talk am Dienstag"-Schiene im Ersten lief.

Am Dienstag, dem 19. November melden sich Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo zum zweiten Mal in Das Erste um 22:45 Uhr. Mit dabei sind dann folgende Gäste im Weserhaus von Radio Bremen: Christian Wulff, Sarah Connor, Anne-Sophie Mutter, Helge Schneider, Richard David Precht sowie Günter Franzen.

Länge: 1:56:22 Stunden
Datum: Dienstag, 19. November 2019
Sendereihe: 3nach9 | Radio Bremen Fernsehen

Weitere Informationen zur Jubiläumsausgabe

Ein paar Fakten und Anekdoten aus der Geschichte von 3nach9:

  • Ursprünglich lief die Sendung mit drei Moderatoren im Dritten Programm um kurz nach neun Uhr abends. Hieraus kreierte die Redaktion den Titel der Sendung. Als sich die Zahl der Moderatoren und die Sendezeit änderten, blieb man beim Titel, der sich mittlerweile zum Markenzeichen entwickelt hatte.
  • Die allerersten musikalischen Töne beim Start von 3nach9 im November 1974 kamen vom Pianisten Gottfried Böttger und seinem Ragtime-Klavier. Genau 40 Jahre lang blieb er Pianist der Talkshow.
  • Über die Bremer Talkpremiere schrieb 'Der Spiegel': "Am Dienstag letzter Woche kam aus dem Bremer Studio 3 die erste Talk-Show der Nordkette. 3nach9 genannt, mit drei Moderatoren und der Botschaft: Der Fernseher muss kein toter Briefkasten sein. Denn wenn Talk-Show, dann so oder ähnlich: kein feines Posieren auf teuren Gestühlen, sondern Leben in der Bude."

Wolfgang Menge, Rainer Barzel, Rudi Carrell und Gert von Paczensky [Quelle: Radio Bremen]
Wolfgang Menge, Rainer Barzel, Rudi Carrell und Gert von Paczensky

  • In den vergangenen 45 Jahren kamen mehr als 4.000 Gäste ins 3nach9-Studio.
  • Bisher haben 47 Moderatorinnen und Moderatoren die Radio-Bremen-Talkshow 3nach9 moderiert.
  • Giovanni di Lorenzo ist seit 30 Jahren dabei. Seine erste Sendung moderierte er am 12. Mai 1989.
  • 1978 traute die noch immer in tiefer Prüderie verharrende Republik ihren Augen und Ohren nicht: 3nach9-Moderator Wolfgang Menge packte einen Präservativtrockner und einen Dildo aus, um sich deren Gebrauch von Beate Uhse erklären zu lassen.

Fritz Teufel beschießt Bundesminister Hans Matthöfer mit Zaubertinte [Quelle: Radio Bremen]
Fritz Teufel beschießt Bundesminister Hans Matthöfer am 19. Februar 1982 in 3 nach 9 mit Zaubertinte.

  • 1982 zog Fritz Teufel im Studio eine Wasserpistole, weil er "immer schon mal einen Bundesminister nass machen wollte". Minister Hans Matthöfer revanchierte sich mit einem Glas Wasser, das er Teufel über das Hemd kippte.
  • Wasser war der Feministin und Autorin Gerlinde Schlichter in einer 3nach9-Sendung 1984 nicht genug, um ihren Abscheu gegenüber Karl-Heinz Germersdorf auszudrücken. Sie leerte ihr Glas Rotwein im Nacken des Bordellchefs.
  • 3nach9 stand aber auch immer wieder für intensive Gespräche – so beim aufsehenerregenden Talk am 23. November 1990 mit Eberhard von Brauchitsch zur Flick-Affäre: Im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo bricht er sein öffentliches Schweigen im Fernsehen.
  • Mehr Musik bei 3nach9: Am 8. Oktober 2004 trat die damals noch unbekannte Amy Winehouse bei 3nach9 auf – es folgte eine Weltkarriere.
  • Die 3nach9-Ausgabe am 19. November 2019 um 22:30 Uhr im Ersten war die 551. Sendung.

Dieter Ertel [Quelle: SWR, Wolfgang Gitzinger]
Dieter Ertel [Quelle: SWR, Wolfgang Gitzinger]

Erinnerungen von Dieter Ertel, des Erfinders von 3nach9

Dieter Ertel war 1974 Fernsehdirektor bei Radio Bremen. Die Idee zu einem speziellen Talk-Show-Format hatte er bereits zu seiner Zeit beim Süddeutschen Rundfunk. Zum 30. Geburtstag von 3nach9 erinnerte sich Ertel daran, wie es zu 3nach9 kam: "Es muss etwa 1970 gewesen sein, dass ich mir ernsthafte Gedanken machte über Wesen und Zukunft des Fernsehens. Ich hatte dem Medium 15 Jahre lang gedient, als Dokumentarfilmer, und spürte Überdruss. Ich fürchtete die Routine, die Langeweile des alltäglichen Trotts, und fragte mich, ob wir die Möglichkeiten des Mediums wirklich schon ausgeschöpft hatten. Das Leben, sagte ich mir, sei niemals fertig, und die Dominanz des neuen Mediums erweise sich immer noch im erregenden Erlebnis des Dabeiseins. Also durch die Livesendung mit all ihren Überraschungen. Ähnliche Gedanken machten sich auch andere. Ich hörte, dass in Berlin Wolfgang Menge über neue Formen der Nachrichtenprogramme nachsann. Ich rief ihn an und fragte, ob er bei uns bei einem unerhört innovativen Unternehmen mitwirken wolle.

Menke reiste an, und damit begann das verrückteste Kapitel meiner Berufszeit. Mit einem halben Dutzend Kollegen setzten wir uns zusammen und entwickelten eine Sendung, die vollkommen der Parole aus Bert Brechts 'Mahagonny' entsprach: 'Vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles dürfen darf.' Es war der direkte Weg in die Katastrophe. Unsere Gesprächspartner fühlten sich angepöbelt und beleidigt und schrieben bitterböse Briefe an den Intendanten. Ein katholischer Sozialpolitiker aus dem Raum Ulm wollte sich nur widerstrebend von unserer Moderatorin anhören, dass ein erigiertes Glied ein schöner Gegenstand sei. (Oswalt Kolles sexuelle Revolution war damals in aller Munde.) Die Harfenistin wartete vergebens auf ihren Einsatz. In einer Sofortkritik aus einem Nebenstudio bescheinigte uns Walter Jens totalen Wirrwarr mit einigen interessanten Ansätzen. Doch das Verhängnis war nicht mehr aufzuhalten.

Zweiter Versuch bei Radio Bremen

Als ich Anfang 1974 nach Bremen ging, hatte ich eine Aufzeichnung des verbotenen Programms im Gepäck, führte sie den Mitarbeitern vor und fragte, ob wir unter geordneteren Verhältnissen eine neue Pilotsendung riskieren sollten. Alle stimmten zu. Wolfgang Menge war sofort bereit, wieder mitzumachen. Wir fanden aber, dass – nicht nur wegen des kargen Bremer Etats – drei Moderatoren genügen müssten. Zu Menge stießen also der Chefredakteur Gert von Paczensky, ein Polemiker ersten Ranges, und Marianne Koch. Ihr Name stieß zunächst auf Verwunderung, man kannte sie nur als attraktive Schauspielerin mit Hollywood-Erfahrung und wusste nichts von ihrer kritischen Eloquenz. Die Bildregie übernahm Mike Leckebusch – als Chef des 'Musikladens' das Idol der musikbesessenen Jugend. Die Redaktion hatte Alfred Mensak. Mit dieser Formation und dem Titel 'Drei nach neun' gingen wir im Herbst 1974 auf Sendung. Der Erfolg: Die Presse wurde auf Radio Bremen aufmerksam. Das war der Durchbruch.

Nach drei Monaten war die Sendung eine feste Größe im Dritten Programm, der Westdeutsche und der Hessische Rundfunk übernahmen sie live, jeder Taxifahrer kannte 3nach9. Unsere Show war zum Aushängeschild von Radio Bremen geworden."

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