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Wintergäste 2019

Wolfram Eilenberger – mit Denken verzaubern

Philosoph, Publizist und Schriftsteller

9. Februar 2019, 11:00 Uhr

Wolfram Eilenberger ist einer der vielseitigsten deutschen Denker. Er ist Philosoph, Publizist und Schriftsteller. Sein aktueller Bestseller "Zeit der Zauberer" wird gerade in mehr als 20 Sprachen übersetzt. "Philosophie ist ein Kampf gegen die eigene Dummheit und die Dinge, die man schon zu glauben meint", sagt unser Wintergast.

Wolfram Eilenberger [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]
Wolfram Eilenberger [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]

Das ganze Gespräch:
"Die Sprache ist das Fundament unserer Lebensform" – Philosoph Wolfram Eilenberger [46:04 Minuten]

Der Gründungs-Chefredakteur des "Philosophie"-Magazins und Moderator einer Sendung im Schweizer Fernsehen mischt sich gern in aktuelle Debatten ein. Ob es um die Kraft zum Aufräumen, den Wert der Handschrift oder die Lust an der Auto-Raserei geht – immer schlägt er philosophische Funken aus ganz alltäglichen Lebenswelten. Für eine Zeitschrift hat er den Artikel "Räum dein Leben aus" verfasst – obwohl er selbst sehr chaotisch ist und nicht gern aufräumt, erzählt Eilenberger. Das sei aber exemplarisch für die Arbeit des Philosophen, sagt er:

Es ist in der Philosophie oft so: Man tut so, als ob man ein Problem gelöst hätte, in dem man noch selber mittendrin steckt.

Philosophie in der Gesllschaft

Philosophie sei in der Gesellschaft verankert, sagt Eilenberger: "Jeder Mensch, der sprechen kann, Ziele im Leben hat und ein ernsthaftes Gespräch mit anderen führt, philosophiert schon. Die Frage ist nicht, ob wir Philosophie im unserem Leben haben wollen, sondern wie wir es angehen." Und – Philosophie beginne immer mit einem Problem, das wir alle kennen, nämlich: "Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich bin in einer Krise. Ich bin verwirrt." Bei der Philosophie gehe es darum, Alternativen durch kluge Beschreibungen freizulegen, die der Mensch, der in dieser Krise steckt, selbst nicht sieht, erklärt der Denker.

Philosophie gibt Handlungsbeschreibungen vor, indem sie Dinge, die wir alle schon kennen, neu beschreibt. Das ist das, was ich versuche, in dem, was ich tue.
Wolfram Eilenberger (l.) und Tom Grote. [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]
Wolfram Eilenberger (l.) und Tom Grote. [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]

Fußball, die erste Liebe

Mit Leidenschaft bezieht Wolfram Eilenberger auch Position beim Thema Fußball – von dem er nicht nur theoretisch Ahnung hat: Er besitzt eine Trainerlizenz des DFB und ist aktives Mitglied der deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Fußball spielt also eine zentrale Rolle in seinem Leben – seit frühester Kindheit. Mit zwei Jahren bekam Eilenberger den ersten Fußball geschenkt. "Ich habe die ersten 15 Jahre nicht viel anderes getan als Fußball zu spielen." Als er mit 18 Jahren merkte, dass er kein Fußballprofi werden würde, hörte er abrupt auf zu spielen. Das war ein radikaler Einschnitt, der ein gewisses Trauma hinterlassen habe, sagt der Philosoph. Von da an spielten die Philosophie und das Schreiben eine wichtige Rolle in seinem Leben, um dieses Trauma aufzuarbeiten und zu kompensieren. Und Fußball und Philosophie haben viel gemeinsam, sagt Eilenberger: "Heute gibt es im Fußball nur noch Kurzpassspiel statt langer Pässe. So ist es auch in der Philosophie. Es gibt keine großen Theorien mehr, sondern nur noch kleine geschickte Pässe."

Beim Fußballschauen kann Wolfram Eilenberger am besten abschalten:

Das Schöne am Fußball für mich ist, dass es eine Art mentaler Staubsauger ist. Man muss dann an nichts anderes denken.

Der Philosoph und die Finnen

Denkanstöße findet der Philosoph nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern weltweit. Seine Jahre mit seiner finnischen Frau und den gemeinsamen Zwillingstöchtern im Ausland hat er in mehreren amüsanten Büchern verarbeitet. In einem der Bücher berichtet er über seine Zeit in Finnland. Dort herrscht das Matriarchat. "Die Männer werden dort zwischen Haustier und Mensch gehalten", erzählt er lachend. Es gibt zwei Arten, wie Kulturen über die Sprache denken, erzählt Eilenberger: Es gebe Kulturen, die Probleme durch das Sprechen lösen wollen und Kulturen, die nicht glauben, dass man Probleme durch Sprache lösen kann. Zu Letzterer gehören auch die Finnen, so Eilenberger. "Eine geteilte Stille ist dann also höchst harmonisch und nicht unangenehm." Die Finnen sagen über ihr Land, das es "hinter dem Rücken Gottes liegt" — also ein Land hinter aller Relevanz. "Das gibt einem einen sehr schönen Freiraum, eine große Ruhe und Entspanntheit der Kultur, die man aus Deutschland nicht so kennt", findet der Philosoph.

Wolfram Eilenberger (l.) und Tom Grote. [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]
Ein lebhaftes Gespräch mit Wintergast Wolfram Eilenberger. [Quelle: Radio Bremen, Henriette Breuer]

"Zeit der Zauberer" – mit Denken verzaubern

In seinem aktuellen Bestseller "Zeit der Zauberer" schildert Eilenberger die Jahre von 1919 bis 1929 als legendäres Jahrzehnt der Philosophie: als eine Zeit zwischen Lebenslust und Wirtschaftskrise, junger Demokratie und aufkommendem Nationalsozialismus, in der, so Eilenberger, der Ursprung der heutigen Welt begründet liegt. Ebenso klug wie unterhaltsam beschreibt er die Höhenflüge und Abgründe seiner vier Helden – die berühmten Philosophen Martin Heidegger, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Ludwig Wittgenstein.

Diese Charaktere seien nicht frei von Problemen. Das liege daran, dass man nur schwer ins Philosophieren kommt, wenn man kein Problem mit sich, der Welt, oder mit anderen Menschen habe, sagt Eilenberger. Einer der Protagonisten, Martin Heidegger, war ein Nationalsozialist und ist auch deshalb die tragischste Figur im Buch.

Es ist ein sehr eindringliches Beispiel für einen Menschen, dessen Geist viel größer war als sein Charakter. Er war ein großer Denker und ein kleiner Mensch.

Diese vier Denker hätten das Zelt der Philosophie neu aufgeschlagen, sagt Wolfram Eilenberger. Sie hätten eine Frage gestellt: Was ist der Mensch? Und auf diese Frage hatten sie eine Antwort: Der Mensch ist ein sprechendes Wesen.

Die Sprache ist das Fundament unserer Lebensform.

"Die Rolle der Sprache für unsere Lebensform ist das zentrale Thema der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Diese vier Denker haben dieses Thema neu entdeckt und neu besprochen", sagt Eilenberger.  

Die Recherche für "Zeit der Zauberer" war nicht immer einfach: "Bei Benjamin habe ich gewisse Texte acht bis zehn Mal gelesen, habe sie gegen die Wand geworfen und verflucht." Philosophische Texte müsse man meist öfter lesen, bis der Moment kommt und es "Klick" macht, sagt Eilenberger. "Manchmal ist es so, als ob man durch ein 50-Meter-Becken Kartoffelbrei taucht." Aber irgendwann komme der Moment der Klarheit.

Porträt:
Der Philosoph Wolfram Eilenberger [2:54 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 9. Februar 2019, 11:05 Uhr

Veranstaltungstermin:
9. Februar 2019, 11:00 Uhr

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