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Frühlingsgäste 2018

Lisa Ortgies - von alten Hipstern, dem "Macher-Modus" und #metoo

Journalistin und Moderatorin

21. April 2018, 11:00 Uhr | Café Farbwechsel im Horst-Janssen-Museum

Die Journalistin Lisa Ortgies hat uns als "Frühlingsgast" auf der Bühne im Oldenburger Horst-Janssen-Museum besucht. Seit über 20 Jahre moderiert Ortgies die Sendung "Frau tv" im WDR, und steht für Themen wie Gleichberechtigung und Emanzipation. Tom Grote begrüßte die meinungsstarke Journalistin in der Livesendung.

Lisa Ortgies und Bremen Zwei-Moderator Tom Grote. [Quelle: Bremen Zwei]
Journalistin Lisa Ortgies und Bremen Zwei-Moderator Tom Grote. [Quelle: Bremen Zwei]

Die ganze Sendung zum Nachhören:
Frühlingsgäste 2018 - Lisa Ortgies im Interview [43:39 Minuten]

Lisa Ortgies wird in den Medien gern als die "streitbare Feministin" beschrieben.

Ich finde mich gar nicht streitbar. Ich streite auch gar nicht unbedingt so gern. Aber ich tu es natürlich, wenn ich gefordert werde.

Neben ihrer Arbeit als TV-Journalistin hat sie das Buch "Ich möchte gern in Würde altern, aber doch nicht jetzt. Erwachsensein für Profis" geschrieben. In diesem Buch kommt das Wort "Feminismus" zum Beispiel seltener vor, als das Wort "Schlupflid-Lifting", stellt Moderator Tom Grote fest. Der Grund dafür ist, dass dieses Wort viel damit zu tun hat, wie Frauen um die Fünfzig sich fühlen, erklärt Lisa Ortgies. Ihr ist aufgefallen, dass Frauen in diesem Alter zusammensitzen, über ihre körperlichen Makel sprechen und sich dabei überbieten, erzählt unser Frühlingsgast. Frei nach dem Motto: Mein Makel ist schlimmer als deiner! Nach solchen Gesprächen fühlte sich die Journalistin oft schlecht und wollte deshalb herausfinden: Warum machen Frauen das? Männer gehen nicht so hart mit ihrem Körper ins Gericht wie Frauen, fand Ortgies heraus.

Dieses Selbstbewusstsein würde ich vielen Frauen wünschen. Und vor allem mit dem Vergleichen aufzuhören.

In ihrem Buch sucht Lisa Ortgies nach dem richtigen Kurs zwischen alt werden und jung bleiben. Ihre Generation fühlt sich jünger, als sie ist, findet Ortgies. Die Autorin hat die Erfahrung gemacht, dass das zu peinlichen Situationen führen kann. Wenn sie zum Beispiel der Hipster um die Sechzig in seiner Skinny Jeans auf dem Longboard überholt, wundert sich die Autorin manchmal.

Das ist wirklich seltsam. Es gibt keine Identifikation mit dem Alter in unserer Generation.

Lisa Ortgies war unser zweiter Frühlingsgast [3:13 Minuten]

Lisa Ortgies und Tom Grote im Gespräch. [Quelle: Bremen Zwei]
Gute Stimmung während des Interviews. [Quelle: Bremen Zwei]

Ein Gang zurück – der Blick nach vorn

Bei einem New York-Besuch vor zwei Jahren erlitt die Journalistin mit gerade einmal fünfzig Jahren einen Herzkrampf, zehn Monate später in ihrer Heimatstadt Hamburg dann einen Herzinfarkt. Sie hat von dem Herzkrampf bis zu ihrem Herzinfarkt gebraucht, um zu akzeptieren, was ihr passiert ist, erzählt Lisa Ortgies unserem Moderator Tom Grote. In dem Moment, als die Journalistin in ihrem Hotelzimmer in New York City lag und kaum noch Luft bekam, dachte sie nur: "Ich sterbe jetzt hier und hoffentlich wachen die Kinder nicht auf." In dieser Situation gebe es keinen großen Platz für den Verstand. Die Angst und das Gefühl zu sterben sind eine körperliche Gewissheit, sagt Lisa Ortgies. Nach dem Herzkrampf ist sie in ihrem "Macher-Modus" geblieben, hat sich nicht geschont und das funktioniert nicht, erzählt die Journalistin. Das habe sie aber erst nach ihrem Herzinfarkt zehn Monate später erkannt. Der hohe Stresspegel, dem sie über Jahre hinweg ausgesetzt war, hat zu ihrem Herzinfarkt geführt, vermutet Ortgies. Sie habe immer funktionieren müssen:

Weil ich auch geglaubt habe wie viele andere Frauen meiner Generation: Das muss alles gleichzeitig gehen! Und zwar in einem bestimmten Tempo und ohne Entlastung. Und wenn das nicht klappt, wird das als persönliches Versagen verbucht und nicht darunter: es fehlt an Unterstützung, oder die Arbeitsteilung ist schwierig (...)

Frauen sind in das Arbeitsleben gedrängt und marschieren da durch, so empfindet es die Journalistin: "Und es kommt aber noch die ganze Familien oben drauf, weil nicht wirklich (...) eine Entlastung da ist."

Kindheit auf dem Land

Lisa Ortgies ist in Quakenbrück, einer kleinen Stadt in Niedersachsen, aufgewachsen. Ihre Eltern betrieben einen Landhandel, verkauften Holz und Getreide und hatten wenig Zeit für die Kinder, so dass sie ihre Kindheit vor allem draußen im Freien mit anderen Kindern verbracht hat, erzählt Ortgies. Als Jugendliche ging sie oft in das Jugendzentrum in ihrem Ort. Dort hat sie sehr viel über Teamgeist, politisch Fragen und selbst etwas auf die Beine zu stellen gelernt, erzählt unser Gast. Nach dem Abitur arbeitete Lisa Ortgies sechs Jahre als Stewardess bei der Lufthansa. In diesem Beruf habe sie gelernt, den Charakter eines Menschen dadurch kennenzulernen, wie er mit Servicekräften umgeht.

Das Café Farbwechsel im Horst-Janssen-Museum war gut besucht. [Quelle: Bremen Zwei]
Das Café Farbwechsel im Horst-Janssen-Museum war gut besucht. [Quelle: Bremen Zwei]

"Gefühlte Gleichberechtigung"

Seit vielen Jahren setzt sich Lisa Ortgies für mehr Gleichberechtigung und bessere Lebensbedingungen von Frauen und Familien ein. Seit 21 Jahren moderiert sie die Sendung "Frau tv" im WDR und seitdem habe sich wahnsinnig viel für Frauen und Familien verändert. Die Arbeitsteilung in der Familie ist aber noch gleich, weiß die Journalistin. Studien haben herausgefunden, dass Frauen immer noch 75 Prozent der Hausarbeit erledigen, auch wenn beide Partner berufstätig sind, sagt Ortgies. "Dieses Paar denken aber, dass sie sich die Hausarbeit gerecht teilen. Es gibt also eine gefühlte Gleichberechtigung", sagt die Journalistin. Das Paar sei zwar zufrieden, die Mehrarbeit der Frau führe aber trotzdem zu einer größeren Erschöpfung bei ebendieser.

#MeToo

Seit Oktober 2017 wird unter dem Hashtag #MeToo über Sexismus, sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch diskutiert. Lisa Ortgies und ihre Kolleginnen haben sich früher zum Beispiel Tipps gegeben, welchen Männern sie bei ihrer Arbeit lieber aus dem Weg gehen sollten, erzählt sie im Interview. Das Thema sexuelle Belästigung betreffe ihrer Meinung nach fast jeden großen Betrieb – in der Wirtschaft, in der Kultur, im Theater, in Kirchen und in Universitäten.

Überall da, wo sie starke Hierarchien und eine Kultur des Schweigens haben, wird es solche Fälle geben.

Bei #MeToo geht es um einen Machtmissbrauch, sagt Lisa Ortgies. Es gebe ein Machtgefälle, das die Vorgesetzten ausnutzen.

Es ist eine Aufwertung der eigenen Position (...) und eine Abwertung der anderen Position, wenn sie unter die Gürtellinie gehen. Das hat nur mittelbar etwas mit Sex zu tun. Das ist ein Vehikel, das wird ausgenutzt, aber es geht vor allem um Machtmissbrauch.

Ob rein männliche besetzte Ministerien, Sexismus-Debatte oder Werbungsverbot für Abtreibungen – Frauenrechte und das Verhältnis zwischen Mann und Frau sind brisantere Themen als je zuvor. Journalistin Lisa Ortgies, die Moderatorin von "Frau tv" gehört schon lange zu den profiliertesten Feministinnen, war auch für kurze Zeit Chefredakteurin der "Emma" und hat jetzt ein neues Buch geschrieben.

Autor/-in: Gerhard Snitjer
Länge: 3:35 Minuten
Datum: Freitag, 20. April 2018
Sendereihe: Der Morgen | Bremen Zwei

In der Generation ihrer Kinder gebe es noch keinen Umgang mit Sexismus. Das ist ein großes Problem, findet Lisa Ortgies. Es gibt eine wahnsinnig sexualisierte Atmosphäre auf den Schulhöfen – Wörter wie "Schlampe" gehören zu den normalen Umgangsformen, sagt die Journalistin. Der Grund dafür sei die Pornoindustrie und deren großer Einfluss auf die Sexualität der Jugendlichen. Die Jugendlichen hätten unrealistische Erwartungen und Vorstellungen von Sexualität. Pornos sind Mainstreamkultur geworden und prägen den Umgang der Jugendlichen miteinander, beklagt Ortgies. Diese Generation werde damit komplett allein gelassen. Das Thema müsse in Schulen angesprochen werden. Den Jugendlichen muss klargemacht werden: Die Sexualität aus Pornos hat nichts mit der Realität zu tun – diese Aufklärung fordert Lisa Ortgies.

Live im Horst-Janssen-Museum in Oldenburg

Moderator Tom Grote begrüßte Lisa Ortgies in samstäglicher Kaffeehausatmosphäre im Café Farbwechsel im Horst-Janssen-Museum. Dazu serviert Bremen Zwei stimmungsvolle Musik.

Moderation: Tom Grote

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. April 2018, 11:05 Uhr

Genaue Adresse:
Café Farbwechsel im Horst-Janssen-Museum
Am Stadtmuseum 4-8
26121 Oldenburg

Veranstaltungstermin:
21. April 2018, 11:00 Uhr

Alle Veranstaltungen in Oldenburg:

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