Livestream

Bremen Zwei Veranstaltungen Live-Gäste

Herbstgäste 2018

Hasnain Kazim

"Spiegel"-Journalist

3. November 2018, 11:00 Uhr | Café im Horst-Janssen-Museum

Zum Auftakt der Herbstgäste gab es eine kleine Heimkehr. Denn "Spiegel"-Journalist Hasnain Kazim ist in Oldenburg geboren und in einem kleinen Dorf bei Stade aufgewachsen. Vier Jahre berichtete er aus Pakistan, danach aus der Türkei, bis diese ihm die Presse-Akkreditierung verweigerte. Und in Deutschland? Hier wird er seit Beginn seiner Journalistenlaufbahn immer wieder angefeindet.

Hasnain Kazim und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen]
Der Journalist Hasnain Kazim war unser "Herbstgast" in Oldenburg.

So war's: Herbstgast Hasnain Kazim [3:40 Minuten]

Katrin Krämer im Gespräch mit Hasnain Kazim [46:44 Minuten] Hasnain Kazim im Porträt [3:37 Minuten]

Geboren in Oldenburg, aufgewachsen im Alten Land, in Hollern-Twielenfleth. Gelebt und gearbeitet in Islamabad, Istanbul und jetzt in Wien. Hasnain Kazims Eltern kamen in den 1970er Jahren nach Oldenburg, die pakistanische Verwandtschaft war erstaunt, dass sie bleiben wollten.

Es war gewöhnungsbedürftig, vor allem für die Verwandtschaft, wenn die aus Pakistan zu Besuch kam. Die haben sich schon gefragt, warum fühlen sich meine Eltern hier wohl. Nicht nur wegen des Essens, sondern eigentlich aufgrund aller Umstände. Das Wetter ist so komisch und regnerisch, das Essen ist anders, es gib wenig Leute, die Urdu sprechen. ..

Dass sie bleiben wollten, lag an den Menschen, die sie trafen und die ihnen zur Seite standen.

Das ist sicherlich der Hauptgrund, die Menschen. Dass Leute einem die Hand reichen, wenn man als Fremder kommt, dass man als Fremder aber auch die Hand reicht und die Hand annimmt.. Es sind die Menschen, die einem das Land heimisch werden lassen.

Was ist Heimat?

Hasnain Kazim und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen]
Hasnain Kazim: "Sprache ist Heimat."

Für Hasnain Kazim bedeutet die deutsche Sprache Heimat. Er arbeitet und lebt in dieser Sprache. In den Jahren in Pakistan merkten er und seine Frau, wie sehr sie sich nach der deutschen Sprache sehnten. "Zum Glück gibt es in etwa 300 Deutsche. Und Sonntagabends gibt es eine Tatort-Gruppe; man trifft sich und guckt den deutschen Tatort."

Und eine weitere Sprache bedeutet Heimat:

Plattdeutsch: Damit verbinde ich meine Heimat, das Dorf, aus dem ich komme, Norddeutschland. Ich selbst spreche es nicht, aber ich höre es unheimlich gerne. ..Ich würde mir wünschen, dass man es selbstbewusster spricht und dass man es wieder mehr pflegt..

Korrespondent in Pakistan

Schon zu Schulzeiten begeistert sich Kazim für den Journalismus – am liebsten will er als Auslandskorrespondent aus Krisenregionen berichten. Um seinem Ziel näherzukommen, heuert der Sohn eines Kapitäns auf großer Fahrt erstmal für sechs Jahre bei der Bundeswehr an und dient als Marineoffizier.

Nach einem Studium der Politikwissenschaft und einem Zwischenspiel bei einer süddeutschen Tageszeitung ist es dann soweit: Für den "Spiegel" berichtet Kazim aus Pakistan, einem der gefährlichsten Länder der Welt, in dem er sich dank der indisch-pakistanischen Herkunft seiner Eltern fließend verständigen kann. Als einziger deutscher Journalist berichtet er von dort über die Tötung Osama bin Ladens.

2009 kam er mit seiner Frau nach Pakistan; es war das blutigste Jahr, was Terroranschläge angeht. Sie hätten sich schon gefragt, "was tun wir hier eigentlich?" "Aber man kann da gut leben. Und man kann da gut Fahrrad fahren, wenn man ein gutes Fahrrad hat."

Zielscheibe von Erdogan-Anhängern

Von seinem Wechsel als Korrespondent in die Türkei 2013 erhofft er sich ein etwas entspannteres Leben als im gewaltgeplagten Pakistan. Eine Hoffnung, die sich spätestens 2014 zerschlägt: Wegen seiner Berichte über das Grubenunglück von Soma wird Kazim zur Zielscheibe von Erdogan-Anhängern. Er gilt zeitweise als einer der meistgehassten Männer in der Türkei, bekommt Morddrohungen und muss das Land schließlich verlassen.

"Post von Karlheinz" – Anfeindungen sind Alltag

Mittlerweile arbeitet der 43-Jährige in Wien. Er berichtet weiterhin über die Lage in der Türkei, aber natürlich auch über die Zustände in Österreich: von den Aktivitäten der rechtskonservativen Regierung über Burschenschafts- und andere Bälle bis zu chinesischen Touristen auf der Suche nach dem Alpenglück.

Hasnain Kazim und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen]
Hass und Hetze darf man nicht schweigend hinnehmen, meint Hasnain Kazim.

Schon seit Beginn seiner Journalistenlaufbahn wird Kazim in Deutschland immer wieder angefeindet. Sein ungewöhnlich klingender Name wird dazu benutzt, ihn zu diskreditieren. Jahrelang hat Hasnain Kazim alle Hass-Mails ignoriert. Dann hat er sich entschlossen, zumindest einige der Einsendungen möglichst treffend zu beantworten, auch um den Schreibern den Spiegel vorzuhalten. Sein gesammelter Briefwechsel ist jetzt unter dem Titel "Post von Karlheinz" erschienen.

Dass das Buch entstanden ist, liegt daran, dass immer gesagt wurde, wir müssen die Sorgen und Nöte der Bürger ernst nehmen. Wir müssen mit ihnen auf Augenhöhe reden. Und ich frage mich immer, was um Himmels willen heißt Augenhöhe? Ich kann mich auf den Bauch legen und bin immer noch höher als diese Leute. Was ist das für ein Schwachsinn.

Zwei Jahre lang hat Hasnain Kazim auf diese Hass-Mails geantwortet, eine große nervliche Belastung. Die Zuschriften haben ihn verändert, sagt er, sein Misstrauen sei größer geworden. Aber er möchte das Feld nicht denjenigen überlassen, die diesen Hass verbreiten.

Was ganz ganz wichtig ist: dass man niemals schweigt, wenn so ein Hass aufkommt. Oder sei es am privaten Kaffeetisch, wenn Leute so undifferenziert sind. Natürlich darf man Dinge kritisieren, man kann Merkels Flüchtlingspolitik blöd finden. Selbstverständlich muss man es kritisieren und als sehr schlimm befinden, wenn Gruppen von Flüchtlingen eine Frau vergewaltigen, das ist ein Verbrechen ...Aber man muss differenzieren können und man muss lernen, seine eigenen Emotionen unter Kontrolle zu haben. Und da darf man eben nicht schweigen. Das ist einfach mein Appell.   

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 3. November 2018, 11:05 Uhr

Genaue Adresse:
Café im Horst-Janssen-Museum
Am Stadtmuseum 4-8
26121 Oldenburg

Veranstaltungstermin:
3. November 2018, 11:00 Uhr

Alle Veranstaltungen in Oldenburg:

Herbstgäste 2018
Veranstaltungen