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Zwei nach Eins

Rainer Rother

Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek (Museum für Film und Fernsehen)

11. Januar 2018, 21:05 Uhr

"Die Ufa war eindeutig ein Kind des Krieges!", sagt Rainer Rother. Sie sollte Geld verdienen und das Publikum beeinflussen – so fasst der künstlerische Direktor der Deutschen Kinemathek und des Museums für Film und Fernsehen das Firmenkonzept zusammen. Denn im Kriegsministerium hatte man einst erkannt, welch mächtiges Propagandainstrument der Film sein konnte.

Rainer Rother [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Rainer Rother [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Vor rund 100 Jahren, am 18. Dezember 2017, wurde die Universum Film, Deutschlands legendäres Filmimperium, gegründet. 100 Jahre Ufa – das ist die Geschichte einer Marke. Das einstige Propagandainstrument produziert heute unter dem Dach des Bertelsmann-Konzerns Inhalte für das Fernsehen: Seit 1992 für RTL den geschichtlichen Mehrteiler "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Deutschland sucht den Superstar." Und das Studio Babelsberg ist gern gebuchter Filmset für Filmproduktionen auch aus dem Ausland.

18. Dezember 1917: Gründung der Ufa [3:04 Minuten]

Heim von Legenden und Stars

Der Mythos Ufa aber wurde in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geboren: Filme wie "Metropolis", "Münchhausen" oder "Der blaue Engel" wurden zur Legende, Stars wie Marlene Dietrich und Hans Albers kamen zu Weltruhm. Filmhistoriker Rother erzählt in "Zwei nach Eins", wie innovativ die Ufa dabei auch war: in technischer Hinsicht, aber auch, was die Vermarktung anging:

Die alte Ufa hat ja sehr schnell begriffen, dass es ein Über-das-Kino-Hinausdenken geben muss, und man hat Cross-Media-Promotion eigentlich schon betrieben. Es gab das Beiheft zum Film, es gab die Noten, es gab die Schallplatte zum Song – also da hat sich die Ufa schon sehr früh sehr gut aufgestellt.

Die Ufa produzierte nicht nur für den deutschen Markt. Deshalb wurden zu Beginn der Tonfilmzeit oft mehrere Versionen eines Films hergestellt: in mehreren Sprachen, oft mit unterschiedlicher Besetzung. Ein Beispiel ist der Kino-Klassiker "Die drei von der Tankstelle". Dabei kam es zu interessanten, unterschiedlichen Interpretationen der Rollen: "Lilian Harvey war dann diejenige, die in all diesen Versionen aufgetreten ist, weil sie Deutsch, Englisch und Französisch sprechen und singen konnte."

Milliarden-Publikum zu Kriegszeiten

Unter den Nationalsozialisten kamen die schlechten Zeiten für die Ufa, obwohl sie wirtschaftlich erfolgreich war. Das Publikum kam in Scharen, erzählt Rainer Rother:

Der Kinobesuch 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, liegt bei etwa 260, 270 Millionen Eintritten. Und das steigert sich kontinuierlich bis in die Jahre 1941, 1942 und 1943, wo zum Teil über eine Milliarde, zum Teil über 1,1 Milliarde Besucher gezählt wurden – also gerade die Kriegsjahre, als die Kinos noch nicht weitgehend zerstört waren, zeigen, dass das Konzept aufgegangen ist.

Künstlerisch war die Machtübernahme der Nazis eine Katastrophe, die Ufa verlor ihre jüdischen Mitarbeiter, Propagandaminister Goebbels ("Der Bock von Babelsberg") dirigierte den Filmkonzern im Sinne der Ideologie.

Kreativität hat er vor allem getötet durch die organisatorischen Rahmenbedingungen des Films. (…) Er hat eine Vorstellung von einem gediegenen deutschen Film, und möglichst sollen es Blockbuster sein, denn die Geschäftsgrundlage, dass das immer noch Erfolg haben soll, dass es beim Publikum ankommen soll, dass es das Geld einspielen soll, das war unfraglich auch für Goebbels.
Filmstudio Babelsberg [Quelle: rbb/Stiftung Deutsche Kinemathek]
Das Filmstudio in Babelsberg [Quelle: rbb/Stiftung Deutsche Kinemathek]

Im Giftschrank der Filmarchive

Viele Filme wurden produziert, die heute quasi im Giftschrank der Filmarchive liegen, die sogenannten "Vorbehaltsfilme" – Streifen wie "Die Rothschilds", "Stukas" oder der Durchhaltefilm "Kolberg". "Jud Süss" gehört auch dazu, der aber, so Medienwissenschaftler Rother, war keine Ufa-Produktion.

Die Ufa – das war der deutsche Gegenentwurf zu Hollywood – war schon damals ein großer Player auf dem Markt, der für die großen US-Studios eine Konkurrenz darstellte, wie Rainer Rother erzählt.

Jean Luc Godard hat ja mal gesagt, die Ufa sei der einzige europäische Filmkonzern gewesen, der den großen amerikanischen Studios hätte Paroli bieten können (…) von der Größe her, von den Möglichkeiten her, die die technische Ausstattung bot – ja, zweifellos hätte sie ein Konkurrent werden können.

Sie wurde es aber nicht, weil sich die deutschen Filmstoffe, wie „Nibelungen“, auf dem US-Markt nicht durchsetzen konnten. Rainer Rother hat sich schon zu Beginn der Neunziger Jahre intensiv mit der Geschichte der Ufa beschäftigt. Zum 75. Jubiläum ging es um die Jahre bis 1945 – jetzt zum hundertjährigen in der Ausstellung der Kinemathek um die "Marke" Ufa.

In "Zwei nach Eins" erzählt Rainer Rother außerdem, warum er Fan von Nina Hoss ist, und dass er neuerdings auch selbst gerne Filme macht.

Das Gespräch zum Anhören:
100 Jahre Ufa: Filmkenner Rainer Rother [38:10 Minuten]

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. Januar 2018, 21:05 Uhr

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