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Zwei nach Eins

Hajo Seppelt

Sport-Journalist

14. Juni 2018, 13:05 Uhr

Für seine Sicherheit wollte Russland nicht garantieren – jetzt fährt ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt nicht nach zur Fußball-Weltmeisterschaft. Die Gefahr: Ein Untersuchungskomitee will ihn vor Ort vernehmen und Seppelt hätte schnell vom Zeugen zum Beschuldigten werden können – Ausreisesperre oder gar Ingewahrsamnahme nicht ausgeschlossen. In "Zwei nach Eins" erklärte Hajo Seppelt die Hintergründe.

Hajo Seppelt [Quelle: WDR, Herby Sachs]
Hajo Seppelt [Quelle: WDR, Herby Sachs]

Er hat Staub aufgewirbelt und sich jede Menge Feinde gemacht. Hajo Seppelts Doping-Recherchen trugen zuletzt entscheidend dazu bei, dass die russische Leichtathletik von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen wurde. In diesem Jahr schlug Russland zurück und konterte mit einem Einreiseverbot für den ARD-Journalisten zur Fußball-WM, die heute startet. Es wurde wieder aufgehoben – aber trotzdem fliegt er nicht.

"Ein Signal, das alarmieren muss!"

Wochenlang haben Hajo Seppelt und die ARD beraten wie sie mit dem wieder aufgehobenen Einreiseverbot nach Russland umgehen sollen. Denn eines ist klar: Recherchieren, berichten und sich frei im Land bewegen – das würden die Russen Hajo Seppelt vermutlich so schwer wie möglich machen.

"Ein Signal, das alarmieren muss!" – ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt [38:58 Minuten]

Außerdem will ihn ein staatliches Untersuchungskomitee in Russland vernehmen. Das Bundeskriminalamt äußerte deshalb große Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Einreise Seppelts, dem sich das Auswärtige Amt anschloss.

Das bedeutet: Es wurde eine Empfehlung abgegeben, dass ich nicht nach Russland einreisen werde und die ARD hat sich dieser Empfehlung der Bundesregierung angeschlossen und insofern werde ich nicht reisen, was ich sehr bedauere.  

Russland sei offenbar nicht bereit gewesen, Garantien für seine Sicherheit auszustellen, sagt Seppelt.

Das ist, finde ich, für die freie Berichterstattung von der Fußball-Weltmeisterschaft ein Signal, das alarmieren muss!

König Fußball ohne Doping?

Dass es in der Sportart Fußball ohne Manipulationen zugeht, kann sich Hajo Seppelt nicht vorstellen. Aber immer wieder betont Seppelt: Es geht nicht nur um Russland. Er und sein Team recherchieren gerade in einem "sehr hochkarätigen Fußballland" und haben auch dort Dopingstrukturen vorgefunden. In Russland hätte er auf alle Nationen – auf die gesamte Sportart Fußball – geschaut.

Viel Feind, viel Ehr

Angstbesessen ist Hajo Seppelt nicht. Und dass er sich als investigativer Journalist nur selten Freunde macht – damit kann er auch leben. Immer wieder hat Seppelt für die ARD über Kinder-Doping in der DDR, über Doping im Radsport, Wintersport und bei kenianischen Langstreckenläufern berichtet. Seine Dokumentationen werden mittlerweile in vielen Ländern ausgestrahlt. Seit vielen Jahren ist es Seppelt gewohnt, dass seine Arbeit im Fokus derer steht, die ganz andere Interessen verfolgen: Die den Sport als eine Gelddruckmaschine sehen oder die olympisches Gold über Moral und Gesundheit stellen. Ein "ewiger Kampf", sagt Seppelt.

Mir geht's um Aufklärung, mir geht's um Öffentlichkeit, mir geht's um das Aufdecken von Fakten, die nicht für jedermann ersichtlich sind.

Leichtathletik in Russland: "Das nenne ich Staatsdoping!"

Aber nachdem er seine Recherchen zum Leichtathletik-Doping in Russland öffentlich machte, stieg der Druck auf Seppelt noch einmal besonders stark an. In seinen Dokumentarfilmen enthüllte Seppelt ein riesiges Doping- und Korruptionsgeflecht und belastete die russische Leichtathletik massiv. Daraufhin erhielt er sehr aggressive E-Mails, wurde in Kommentaren auf Twitter und Youtube bedroht. Auf manchen Veranstaltungen war Seppelt sogar auf zusätzlichen Sicherheitsschutz angewiesen. Aber Seppelts Recherchen waren so fundiert, dass sie entscheidend dazu beitrugen, dass der internationale Leichtathletik-Verband die meisten russischen Athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausschloss.

Was man weiß, ist, dass von oben Dopingproben manipuliert worden sind. Und warum soll man das tun? Das tut man dann, um positive Proben zu vertuschen. Und das nenne ich Staatsdoping.

Bis heute, sagt Seppelt, wird in Russland abgestritten, dass es in der Leichtathletik staatliches Doping gab. Für den Patriotismus des Landes sei es eine tiefe Verletzung gewesen, was er und die ARD seither massiv zu spüren bekommen.

"Das nenne ich Staatsdoping!" – ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt [38:58 Minuten]

Das Krebsgeschwür des Sports

Schon als Kind störte sich Seppelt daran, wenn etwas ungerecht war oder ein Spiel unfair ablief. Ein Spiel und auch das organisierte Sport-System kann aber nur funktionieren, wenn es Regeln gibt, an die sich alle halten, ist der Sport-Journalist überzeugt. Dennoch weiß er auch: Komplett eindämmen lässt sich das Doping wohl nicht, aber eine Reduktion sollte möglich sein.

Weil sich in diesem Dunstkreis, in diesem Milieu, so viele Leute niedergelassen haben, die allein ihren eigenen, meist kommerziellen Interessen dienen wollen und das auch weidlich ausnutzen, dass die Strukturen sind wie sie sind – deswegen haben wir das Problem der Kriminalisierung des Sports. Und das ist, wenn man so möchte, das Krebsgeschwür für ein Kulturgut.

In "2 nach 1" erklärte Hajo Seppelt, warum er die "klebrige Nähe" zwischen vielen Sport-Journalisten und Athleten ablehnt, warum ein beruflicher Rückschlag ihn schließlich zum Doping-Experten machte und warum ihn die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes tatsächlich berührt.

Moderation: Jutta Günther

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Juni 2018, 13:05 Uhr

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