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Bremen Zwei Sendungen Hörspiel Hungerwinter

Hörspiel-Produktion Hungerwinter

Interview mit dem Autor und Regisseur Gordian Maugg

"Historische Themen liegen mir besonders am Herzen"

Gordian Maugg [Quelle: Gordian Maugg]
Autor und Regisseur Gordian Maugg [Quelle: Gordian Maugg]

Wann oder durch wen sind Sie das erste Mal mit dem Thema Hungerwinter in Berührung gekommen?

Es war der Anruf einer Produzentin! "Wollen Sie so einen Film machen", hat sie gefragt. Ich hatte vom Hungerwinter keine Ahnung. Für mich war der Krieg 45 zu Ende und 48 kam die Währungsreform. - Aber ich hab trotzdem "Ja" gesagt. - Das Interesse war sofort entbrannt, als ich den ersten älteren Menschen zum Thema erzählen hörte.

Was haben Ihnen Ihre Eltern darüber erzählt?

Nichts. Sowas erzählen auch eher die Großeltern. Von meiner Großmutter kenn ich dann auch den Satz, man solle aufessen. In der Notzeit wär man froh gewesen. Als Kind hat mich das genervt. Was dahinter steckt kann ich erst jetzt ermessen.

Mittlerweile haben Sie mit Alexander Häusser ein Buch geschrieben, einen Film gedreht und ein Hörspiel produziert.  Wie haben Sie für all diese Projekte Zeitzeugen gefunden?

Über alle gängigen Medien: Radio, Zeitungen, aber auch Kirchliche und soziale Einrichtungen. Es haben sich hunderte Menschen gemeldet.

Viele ältere Leute wollen nur ungern über diese Zeit reden, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ja, für viele war es das erste Mal überhaupt, dass sie davon erzählt haben. Da war die Schuld, damals gestohlen zu haben, Lebensmittel und Heizmaterial, und überlebt zu haben, während andere verhungert sind. Den meisten Kindern dieser Generation sollte es besser gehen; man hat ihnen die Erzählungen erspart und niemand hat danach gefragt. Jetzt, 60 Jahre später, wollen sich viele noch einmal ihre Erlebnisse von der Seele reden. Und den allermeisten war danach auch wohler.

Welche Geschichte der Zeitzeugen hat Sie selbst am meisten berührt?

Schlimm ist es, über hungernde Kinder zu hören, verlassene Kinder, kranke, unterernährte Kinder, die dann auch starben.

Warum wollten Sie dieses Thema den Menschen heute wieder ins Gedächtnis rufen?

Radio wurden erfunden gegen das Vergessen, für alle Toten und Lebenden. Und mein Hörspiel widme ich allen, die von ihren Erlebnissen noch erzählen konnten, die mir vertrauten und mich in ihr Innerstes vorließen, und es ist auch all jenen gewidmet, die starben, bevor ich sie aufnehmen konnte.

Ist Ihnen bei Ihrem Streifzug durch die Archive etwas Spezielles in die Hände gefallen, das sie erstaunt oder berührt hat?

Eigentlich fast jedes Dokument. Das Verrückteste aber ist ein Interview des Schweizer Rundfunks mit Marie Lavater-Sloman, einer in die Schweiz verheirateten, aus Hamburg stammenden Schriftstellerin, die ihre Heimatstadt nach Kriegsende 45 besuchte und für die Schweizer an den warmen Kachelöfen zuhause berichtete. Der Schweizer Radioreporter Rösler hört’s und schwankt in seinen Reaktionen zwischen "Die armen Deutschen!" und "Das geschieht denen grad recht!" - Mit einem Ausschnitt daraus beginnt das Hörstück.

Wenn man so viele Menschen zum Thema Hunger befragt, was macht das mit dem Interviewer?

Ich habe in der Arbeitsphase 10 Kilo zugenommen.

Das Interview führte Janine Lüttmann.

Stand: 27.12.2011

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