Livestream

Bremen Zwei Sendungen Gesprächszeit

Gesprächszeit

Ulrich Kienzle (†)

Journalist

20. April 2020, 18:05 Uhr

Als einer der ersten westlichen Journalisten interviewte er in Libyen Anfang der 1970er Jahre den damaligen Rebellen Muammar al-Gaddafi. Und als letzter deutscher Journalist sprach er 1990 mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Am 16. April ist Ulrich Kienzle, der auch das Regionalmagazin "buten un binnen" mitbegründet hat, im Alter von 83 Jahren gestorben.

Ulrich Kienzle [Quelle: Imago, Horst Galuschka]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich habe Händchen gehalten mit einem Massenmörder" - Ulrich Kienzle [28:31 Minuten]

Ulrich Kienzle wurde am 9. Mai 1936 in Neckargröningen bei Ludwigsburg geboren. Er studierte Politische Wissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten München und Tübingen. Weil er sonst nichts Journalistisches vorzuweisen hatte, bewarb er sich mit einer Gedicht-Interpretation beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Die Feuerprobe war dann ein Nachrichtenfilm für die Abendschau. Das Problem: Neben Neuling Kienzle wurde auch ein neuer Sprecher im Studio ausprobiert.

Ich war nervös, der war nervös, und ich hab ihm empfohlen ein Bier zu trinken. Das war das Dümmste, was ich machen konnte, denn das Bier hatte offensichtlich eine Wirkung. Die Sendung begann, es war Rotlicht – und er sprach nicht. Und irgendwann sagte ich auf sehr gute schwäbische Art: 'Sie Arschloch, reden Sie endlich'. In dem Moment ging der Regisseur an die Decke und schrie: 'Sie sind auf dem Sender, sind sie wahnsinnig?'

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Mit dem Taxi in den Krieg

Doch der Karriere tat das keinen Abbruch. 1973 nahm Ulrich Kienzle seinen ersten ARD-Auslandsposten in Ägypten ein. Damals bahnte sich gerade der sogenannte Oktoberkrieg an. Seine Anreise war schon abenteuerlich, denn plötzlich wurde der Flugverkehr eingestellt.

Es gab keine normale Flugverbindung. Es war ein russisches Flugzeug, ein Militärflugzeug – das vergesse ich nie – das Ersatzteile, Diplomaten und möglicherweise auch Geheimdienstleute nach Libyen geschafft hat.

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Ulrich Kienzle wurde dann von einem Taxi mitten in das Geschehen gefahren und lernte schnell, wie man in der arabischen Welt improvisiert. Denn Telefonverbindungen nach Deutschland gab es nicht und man arbeitete auf Film, der noch entwickelt und außer Landes gebracht werden musste.

Erschreckende Bilder aus dem Libanon

1975 war der Journalist dann im Libanon, als der Bürgerkrieg ausbrach. In seinen Beiträgen fing er erschreckende Bilder ein.

Wir haben wirklich schwierige Geschichten erlebt. Durch einen Tipp sind wir in ein Massaker geraten. Und der Kameramann dreht und zoomt auf eine Hand zu. Ein alter Mann lehnte an einem Baum mit einer abgeschossenen Hand. Und er sagte irgendwann: 'Ich hör' auf – ich kann nicht mehr.'

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Helfen konnten die Berichterstatter damals nicht. Die Bilder verfolgten das Team lange. Trotzdem wollte Kienzle die Kriegsverbrechen dokumentieren – und dann so schnell verschwinden wie es möglich war.

"buten un binnen": verlacht und dann erfolgreich

Als er Ende der siebziger Jahre Berichterstatter in Südafrika war, bekam Ulrich Kienzle einen Anruf aus Bremen und wurde Chefredakteur Fernsehen bei Radio Bremen. "Radio Bremen war damals der kreativste, intelligenteste, lustigste, angenehmste Sender in der ARD", erinnerte sich Kienzle 2011 bei Radio Bremen. Dabei gestaltete er unter anderem das Regionalprogramm neu und entwickelte die Sendung "buten un binnen".

Am Anfang war das Programm verlacht, verhöhnt. Ich erinnere mich noch: Koschnick hat damals gesagt:' "Drunter und Drübe", die Sendung heißt "Drunter und Drüber"'.

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Saddam Hussein: "Ich habe Händchen gehalten mit einem Massenmörder"

Anfang 1990 wechselte Kienzle zum ZDF als neuer Leiter der Hauptredaktion Außenpolitik, wo er unter anderem das "Auslandsjournal" moderierte. In diesem Jahr führte er als einer der wenigen westlichen Journalisten überhaupt ein Interview mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein, der Kuwait besetzt hatte. Möglich wurde das, weil er zuvor beim irakischen Botschafter in Bonn einen guten Eindruck hinterlassen hatte.

Er hat gesagt: 'Sie werden von mir hören.' Ich hatte das längst vergessen. Und ich war nachts in Bremen unterwegs und da kam ein Anruf von der Redaktion in Mainz: 'Morgen früh um 11 Uhr geht der Flieger'.

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Ulrich Kienzle bekam tatsächlich die Möglichkeit Saddam Hussein zu interviewen. Noch in derselben Nacht fuhr er zum Frankfurter Flughafen und flog nach Bagdad. Abgeholt wurde er in Bagdad von schwer bewaffeten Sicherheitsleuten und in einen Palast in einen Vorort von Bagdad gebracht. Als sich dort in einem modernen TV-Studio die Tür öffnete und Hussein eintrat, war dies fast ein unwirklicher Moment, erinnerte sich Kienzle.

Das überraschendste war: Ich dachte, da kommt ein martialischer Typ in Uniform. Der kam wie ein Geschäftsmann gekleidet, Blümchenkrawatte, Einstecktuch, italienische Massschuhe und hatte einen ganz schlaffen, weichen Händedruck. Ich war völlig verwirrt.

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Nach dem Interview war klar, dass es Krieg am Golf geben würde. Ulrich Kienzle erinnerte sich immer gut an diese denkwürdige Begegnung.

Ich habe Händchen gehalten mit einem Massenmörder – das ist schon ein merkwürdiges Gefühl.

(Ulrich Kienzle am 3.12.2011 im Nordwestradio, Radio Bremen)

Ulrich Kienzle wurde 83 Jahre alt

Im März 1993 übernahm Kienzle zusammen mit Bodo Hauser die Leitung und Moderation des wöchentlich ausgestrahlten ZDF-Politmagazins "Frontal". Auch nach seinem Ruhestand im Jahr 2000 arbeitete er noch mehrfach für den öffentlichen Rundfunk, etwa zur Bundestagswahl 2002. Außerdem veröffentlichte Ulrich Kienzle mehrere Bücher. Am 16. April ist Ulrich Kienzle im Alter von 83 Jahren gestorben.

Aus Anlass seines Todes wiederholen wir ein Gespräch, das Tobias Nagorny im Winter 2011 mit dem Journalisten Ulrich Kienzlefür das Nordwestradio von Radio Bremen geführt hat.

Moderation: Tobias Nagorny

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 20. April 2020, 18:05 Uhr

Mehr interessante Gespräche:

Rüdiger Nehberg (†), Abenteurer und engagierter Aktivist Deniz Yücel Michel Abdollahi
Gesprächszeit
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"