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Gesprächszeit

Ulrich Balß

Musikmanager, Produzent und Autor

21. Oktober 2019, 18:05 Uhr

"Ich habe mich nie irgendwelchen Moden gebeugt", sagt Ulrich Balß, Chef des Bremer Musiklabels Jaro. Seit über 40 Jahren schon veröffentlicht er Musik von Künstlern aus den entlegensten Winkeln der Welt. Zuletzt hat er sich aber mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt und ist auf den Spuren seines Großvaters nach New York gereist.

Ulrich Balß steht mit seinen Fotografien vor einer Ausstellungswand. [Quelle: Ulrich Balß]
Ulrich Balß [Quelle: Ulrich Balß]

Das Gespräch zum Anhören:
"War das Geld knapp, konnte ich mit meinen Künstlern reisen" – Ulrich Balß [38:45 Minuten]

Er ist der "Musik-Ermöglicher": Ulrich Balß, der die Musikszene Bremens in den letzten vier Jahrzehnten mit seinem Label Jaro um 250 Veröffentlichungen aus dem Bereich Weltmusik und Jazz bereichert hat. Mit dem dazugehörigen Verlag und einer Agentur sorgt er für Konzerte, Tourneen und die entsprechende Promotion dazu.

Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, über 40 Jahre die Dinge zu veröffentlichen, die ich veröffentlichen wollte. Ich habe mich nie irgendwelchen Moden gebeugt.

"War das Geld knapp, konnte ich mit den Künstlern reisen"

Angefangen hat alles lange vor der ersten Platte in seiner Heimat in Ostwestfalen. An Weihnachten 1973 traf Ulrich Balß einen Freund, der wie er mit dem kleinstädtischen Kulturmilieu vor Ort unzufrieden war. Sie gründeten eine Kulturinitiative und organisierten das Startkapital, in dem sie Altpapier sammelten. Mit den 2.000 D-Mark, die dabei zusammen kamen, wurden Keller-Räume in einer alten Zigarrenfabrik renoviert. Und so machte Ulrich Balß, der zur Generation "Beat-Club" gehört, seine ersten Schritte als DJ für progressive Musik und als Musikmanager.

Anfang der Achtziger wollte er dann raus aus dem engen Ostwestfalen. Über eine kurze Station in Göttingen kam Balß nach Bremen, wo auch eine enge Zusammenarbeit mit Radio Bremen entstand. Reisen nach Japan, China oder Australien gehörten zu seinem Job genauso dazu wie Konflikte und Rückschläge.

Das war für mich in manchen Zeiten ein bisschen Entschädigung. Wenn das Geld knapp war, konnte ich mit meinen Künstlern reisen und bin um die ganze Welt gekommen.

Der Großvater führte ihn nach New York

Zeit seines Lebens hat Balß immer auch fotografiert und diese Leidenschaft lag scheinbar in der Familie. Als seine Mutter starb und er den Haushalt auflöste, fand er eine Kiste mit Büchern und Briefen in Sütterlin-Schrift. Sie erzählten die Geschichte seines Großvaters Theodor Trampler, der als Arbeitsmigrant 1928 von Leipzig nach New York gegangen ist. Der gelernte Buchbinder legte damals in Bremerhaven ab – seine Familie, die nicht mitkommen wollte, ließ er zurück.

1890 geboren, da hat man in der Schule natürlich nicht Englisch gelernt. Er konnte ein paar Brocken und hatte sich ein bisschen was angeeignet, aber seine sozialen Zusammenhänge waren dort die Deutsch sprechenden Leute.

Zeile für Zeile entzifferte Ulrich Balß die Briefe, ordnete Fotos und entdeckte das Leben, das sein Großvater 1928 neben seiner harten Arbeit in New York geführt hatte.

Als Fahrradfahrer war er totaler Exot in New York, aber bei seiner Abreise waren die zwei wichtigsten Dinge, die er erwähnt hat, seine Kamera und sein Fahrrad. Denn er sagte: 'Wenn ich in New York bin, will ich jeden Cent zurückschicken, aber ich will auch was sehen.'
Menschen am Hafen von New York  [Quelle: Ulrich Balß]
Hafenimpressionen von New York Ende der 20er Jahre, fotografiert von Theodor Trampler [Quelle: Ulrich Balß]

Ulrich Balß ist seinem Großvater nachgereist und hat die Orte besucht, die Theodor Trampler fotografiert hat.

Was mich gerührt hat war, als ich in der 196. Straße die Treppe hochgegangen bin und wusste: 'Hier hat mein Großvater gelebt'. Das war schon emotional!

Entstanden aus dieser Geschichte ist das Buch "New York. Past & Present 1928 – heute". Dem Buch liegt auch eine CD mit Musik aus dem "Big Apple" bei, die Balß sorgfältig zu den historischen Fotos ausgewählt hat. Zusammen mit den zwei Musikern Rachelle Garniez und Erik Della Penna läßt Balß die Geschichte lebendig werden. Beim "Abend in New York" werden New Yorker Musikstücke gespielt und Ulrich Balß liest aus den Briefen seines Großvaters. Dessen Geschichten werden erzählt und seine Fotos gezeigt. Am 26. Oktober 2019 gastiert er damit im Bremer Sendesaal.

Moderation: Harald Mönkedieck

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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