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Udo Lielischkies

Langjähriger Korrespondent der ARD in Russland

4. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Über ein Jahrzehnt hat Udo Lielischkies den Fernsehzuschauern in der ARD das Leben und die Politik in Russland nahegebracht. Auch jetzt im Ruhestand lässt ihn das Land nicht los, zu intensiv waren seine Erlebnisse sowohl in beruflicher als auch privater Hinsicht. Als Sommergast erzählte Lielischkies von den Gemeinheiten der russischen Sprache und wie ihn die Jahre in Russland geprägt haben.

Bremen-Zwei-Moderator Tom Grote und Journalist Udo Lielischkies im Gespräch [Quelle: Radio Bremen]
Tom Grote und Udo Lielischkies

Das Gespräch zum Anhören:
"Wenn der Russe mal lächelt, dann meint er es auch so" - Korrespondent und Buchautor Udo Lielischkies [47:06 Minuten]

Der größte Kulturschock traf ARD-Korrespondent Udo Lielischkies nicht etwa, als er Ende der Neunziger Jahre am Moskauer Flughafen eintraf, sondern in seiner Zeit in Washington: "Diese überbordende Freundlichkeit, das nimmt Ihnen Ihr Koordinatensystem weg, weil sie ganz schnell merken, dass es nichts zu bedeuten hat." Russland fühle er sich einfach näher.

In Russland wird improvisiert und nicht alles zerredet

Über ein Jahrzehnt war Udo Lielischkies als ARD-Korrespondent im größten Land der Welt unterwegs, es war eine Zeit, die ihn sehr geprägt hat. Nicht nur wegen seiner russischen Frau und der in Moskau geborenen Kinder. Man werde in einigen Dingen pragmatischer und wähle auch mal den unkonventionellen Weg, "hier in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass eine gewisse Passivität eintritt". Lielischkies dagegen mag es, wenn improvisiert wird, wenn Dinge in die Hand genommen und nicht zerredet werden.

Wer Russland verstehen will, muss raus auf's Land

Seine fehlenden Russischkenntnisse stellten zu Beginn seiner Russland-Zeit eine große Hürde da. "Du bist hilflos, du musst was tun", erkannte Lielischkies schnell und steckte viel Zeit in Russischunterricht. So lernte er auch seine spätere Frau kennen, eine Studentin, die ihm Moskau zeigen und mit ihm Russisch sprechen sollte.

Die russische Sprache hat unzählige gefühlte Gemeinheiten.

Aber um Russland wirklich zu verstehen, müsse man Moskau verlassen und raus auf's Land fahren. In der Provinz herrschten ganz andere Lebensverhältnisse. Fließendes Wasser und Zentralheizungen sind für viele Russen keine Selbstverständlichkeit. Und so verwundert es kaum, dass die Landflucht immer weiter zunimmt und die Menschen nach Moskau streben, wo es Arbeit gibt und bessere Lebensbedingungen herrschen.

Moskau ist wie eine irreale, kleine Insel, das Disneyland Russlands.

Angeklagte haben keine Chance

In seinem Buch "Im Schatten des Kreml" berichtet Udo Lielischkies von Müttern, deren Söhne unschuldig ins Straflager geschickt wurden, von todesmutigen Journalisten und gefangenen Soldaten im Tschetschenien-Krieg. Schicksale, die hier in Deutschland unvorstellbar sind. Wer in Russland von der Staatsanwaltschaft angeklagt wird, kann davon ausgehen, verurteilt zu werden.

Die Chance auf Freispruch liegt im Landesschnitt bei 0,4 Prozent.

Bei denjenigen, die am Ende im Gefängnis ihre Strafe absitzen, handele es sich allerdings höchstens um Kleinkriminelle – die "wirklich dicken Fische können sich freikaufen", für absurd kleine Summen Geld. Der russische Staat kontrolliere eben nicht nur die Medien, sondern auch die Justiz.

Für kleinste Vergehen werden drakonische Strafen verhängt.

Wenn man auf die Politik schaue, sei es durchaus schwierig, Positives über Russland zu berichten, muss Lielischkies zugeben. Ihm fehle in der Berichterstattung allerdings der Blick auf die ganz normalen Menschen. Und er wünscht sich, dass dieser Perspektive in den Medien wieder mehr Raum gegeben wird, um das Verständnis für Russland zu verbessern.

Moderation: Tom Grote

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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