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Thomas Kretschmann

Schauspieler

25. Juni 2019, 21:05 Uhr

In der DDR war er Leistungsschwimmer, knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist er einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler in Hollywood. Im Herbst 2018 war Thomas Kretschmann im Film "Ballon" zu sehen – die Geschichte einer spektakulären Flucht aus der DDR. Regisseur Michael "Bully" Herbig wird dafür am 25. Juni mit dem "Friedenspreis des Deutschen Films - Die Brücke" ausgezeichnet.

Schauspieler Thomas Kretschmann und Moderator Marius Zekri. [Quelle: Radio Bremen, Martin von Minden]
Thomas Kretschmann und Moderator Marius Zekri [Quelle: Radio Bremen, Martin von Minden]

Zwei Ehepaare nähen sich im Keller einen großen Ballon, mit dem sie über die schwer gesicherte deutsch-deutsche Grenze von der DDR in den Westen fliehen wollen – darum geht es in Thomas Kretschmanns neuem Film "Ballon". Die Geschichte hat sich kein Drehbuchautor ausgedacht, sie ist tatsächlich passiert. Kretschmann spielt darin einen Stasi-Leutnant, der den Ballonfahrern auf den Fersen ist. Regisseur des Films ist Michael "Bully" Herbig, der sonst eher im Unterhaltungsfach zu Hause ist. Aber für Kretschmann hat am Drehbuch alles gestimmt. Die Arbeit am Set war intensiv, erinnert er sich.

Das hat nach Osten gerochen, das hat wie Osten ausgesehen. Man ist mit einem beklemmenden Gefühl nach Hause gefahren nach dem Drehtag. Das war gespenstisch.

Nein zur Volksarmee

Friedenspreis des Deutschen Films

Die Verleihung des "Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke" findet am Dienstag, 25. Juni 2019 im Münchner Cuvilliés-Theater statt. Michael "Bully" Herbig erhält den Regiepreis national für "Ballon".

Wegen seiner eigenen DDR-Geschichte ging ihm die Arbeit am "Ballon" besonders nah. Geboren wurde Kretschmann in Dessau. In seiner Jugend bewies er Talent für eine Leistungsschwimmerkarriere, wollte aber auch auf die Bühne und stellte sich an der Schauspielschule vor. Dabei wurde er gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, sich für drei Jahre bei der Armee zu verpflichten. Und Kretschmann wusste: Sagte er nein, würde er den Studienplatz nicht bekommen. Kretschmann sagte zwar ja – aber vier Wochen später verließ er das Land. Ganz allein, weil er niemanden aus seiner Familie und seinem Freundeskreis gefährden wollte.

Das ist ein Schritt – der größte und wichtigste und wohl auch nachhallenste in meinem Leben.
Szene aus dem Film Ballon. [Quelle: Studiocanal GmbH / Marco Nagel]
In "Ballon" spielt Thomas Kretschmann Oberstleutnant Seidel. [Quelle: Studiocanal GmbH / Marco Nagel]

Republikflucht mit Folgen für die Familie

Die Flucht prägte Thomas Kretschmann fürs Leben. Mit einem Visum für Bulgarien machte sich der damals gerade Volljährige auf die Reise. Sein Plan: In Ungarn die Grenze zu Jugoslawien passieren, was auch gelang. Nachdem er das rund 20 Kilometer breite Grenzgebiet mit verstärkten Patrouillen durchquert hatte, rannte er über die Grenze. Von Jugoslawien aus schlug er sich nach Österreich und dann nach Gießen in Deutschland durch. Jahrelang plagten ihn noch Albträume, dass er wieder zurück muss. Und: Als er floh, ließ Kretschmann mit schwerem Herzen seine Mutter zurück, die als Parteimitglied natürlich Probleme bekam, als der Sohn sich davon machte. Als die Dreharbeiten zu "Ballon" starteten, packte Kretschmann die alten Kisten aus, die seine Mutter ihm hinterlassen hatte.

Ich habe Sachen gefunden, bei denen es mir das Herz zusammengeschnürt hat. Ich wusste es ja vorher, aber wenn man dann so liest "Durchsuchungsbefehl, beschlagnahmt eine Postkarte" oder "Stellungnahme zur Republikflucht meines Sohnes"...

Zu Hause in Hollywood, mit den Gedanken in Berlin

Kretschmann lebt seit rund 20 Jahren in Los Angeles. Vor seinem Haus in den Hügeln von Hollywood steht ein Stück der Berliner Mauer, das ihm der französische Maler Thierry Noir geschenkt hat. Für viel Geld ließ er die Mauersegmente über den Atlantik verschiffen. Los Angeles sei eine Stadt, die er gut kenne und "gut im Griff" habe. Aber Berlin, wo er nach seiner Flucht lange gelebt hatte, fühle sich für ihn nach Heimat an, sagt der 56-Jährige.

Seine Stasi-Akte hat er bis heute nicht gelesen. Warum, erzählt Thomas Kretschmann in der "Gesprächszeit" ebenso wie er am 9. November 1989 den Fall der Mauer erlebt hat und wie er sich zum Hollywood-Schauspieler hochgearbeitet hat.

Moderation: Marius Zekri

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. Juni 2019, 21:05 Uhr

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