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Gesprächszeit

Svetlana Johann

Spätaussiedlerin

17. April 2020, 18:05 Uhr

Svetlana Johann ist auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier, als sie im Februar auf einem Markt in Oldenburg unser Schild mit der Aufschrift "Eine Stunde reden?" sieht. Die Russlanddeutsche ist bereit, zu erzählen – von ihrem Leben in Sibirien und in Oldenburg, von Schicksalsschlägen, dem Glauben an das Positive und von Schnee-Erinnerungen.

Svetlana Johann  [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Svetlana Johann [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich bin eine Kämpferin" - Svetlana Johann aus Oldenburg [37:28 Minuten]

Erstaunliche Frustrationstoleranz

In Zeiten von Corona funktioniert das kontaktlos: Svetlana Johann kann aus ihrer Wohnung in einem großen Mehrparteienhaus zugeschaltet werden. Das klappt allerdings nicht auf Anhieb, da das entsprechende Smartphone für die 66-Jährige nicht so leicht zu handhaben ist. Aber es bewahrheitet sich das, was Svetlana ganz am Ende des Gesprächs sagt: Sie ist eine Kämpferin. Nach einer knappen Stunde Anleitungen per Telefon steht die Verbindung, und sie fängt an zu erzählen, als ob nie etwas gewesen wäre.

So durchlebt Svetlana auch die Corona-Krise: Sie nimmt die Kontaktbeschränkungen zwar ernst, verfällt aber nicht in Panik. Sie versucht, so viel Normalität wie möglich aufrecht zu halten, trifft täglich ihren Freund zum Reden, hat bei ihrem Job in einer Reinigung weiterhin zu tun und pflegt ihren 92-jährigen Vater. 

Von Omsk nach Oldenburg

Svetlana Johann ist die Tochter eines LKW-Fahrers und einer Hausfrau, hat eine fünf Jahre jüngere Schwester und wächst in der sibirischen Großstadt Omsk auf. Als sie 39 Jahre alt ist, inzwischen selbst Mutter zweier Kinder, wandert ihre Schwester nach Deutschland aus. Svetlana steht weinend am Flughafen.

Das war schwer zu verkraften. Wir haben sie zum Flughafen in Omsk begleitet (...) und haben zugesehen, wie das Flugzeug gestartet und weggeflogen ist. Und ich konnte meine Tränen nicht halten. Das war ein Teil von mir.

Fünf Jahre lang hält sie treu die monatlichen Telefon-Verabredungen mit ihrer Schwester, bis sie 1997 mit ihrer Familie nachkommt. Diesen Sommer plant sie einen Besuch bei der Cousine in Ludwigsburg. Von dort wanderten ihre Ur-Ur-Urvorfahren an die Wolga aus.

Schicksalsschläge und Schnee-Erinnerungen

Gegen Ende ihrer Schulzeit erlebt Svetlana einen ihrer heftigsten Schicksalsschläge: Sie baut körperlich ab, wird sehr langsam, kann keine Berufsausbildung beginnen. Erst drei Jahre später stellt endlich ein Arzt die richtige Diagnose. Nach nur zwei Wochen Krankenhausaufenthalt ist ihre Schilddrüsenunterfunktion mit Medikamenten so gut eingestellt und sie hat sich so gut erholt, dass ihre eigene Mutter sie nicht wiedererkennt.

Svetlana denkt gerne daran zurück, wie sie als Kind aus dem Wohnzimmerfenster ihrer Oma die verschneite Landschaft beobachtet hat und wie sie Schneeflocken im Lichte der Straßenlaterne gefangen hat. Nach dem Tod ihrer Mutter, sagt sie rückblickend, hätte sie sich Hilfe holen sollen, um damit besser klar zu kommen. Aber, wie schon erwähnt, Svetlana Johann sagt selbst über sich:

Ich bin eine Kämpferin. (...) Ich kämpfe bis zuletzt. So einfach ist das.

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 17. April 2020, 18:05 Uhr

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