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Gesprächszeit

Sick

Ex-Junkie und Bestseller-Autor

26. März 2020, 18:05 Uhr

Cannabis, Heroin, Kokain und Ecstasy – es gibt wohl kaum eine Droge, die "Sick" seinem Körper nicht zugeführt hat. Heute ist der 47-Jährige clean und erfolgreich als Autor, Moderator und Entertainer. Wie er das geschafft und welche Rolle sein Projekt "Shore, Stein, Papier" dabei gespielt hat, für das er 2015 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde, davon erzählt Sick in der Gesprächszeit. 

Ein Mann sitzt auf der Rückbank eines Fahrzeugs und schaut durch die Vordersitze in die Kamera [Quelle: Benjamin Cierpiol]
Sick hat es geschafft und die Drogen hinter sich gelassen. [Quelle: Benjamin Cierpiol]

Das Gespräch zum Anhören:
"Dass ich sterben kann, war scheißegal" – Ex-Junkie "Sick" [37:04 Minuten]

Sick, der damals noch keinen Künstlernamen trägt, ist 13 Jahre alt, als seine Mutter ihm mitteilt, dass sie zwei Tage später mit ihm nach Hannover ziehen wird, zu ihrem neuen Lebensgefährten. Der teilt dem Jungen auf der Fahrt von Sindelfingen in den Norden mit, dass er unerwünscht sei. Als er seiner Mutter später davon berichtet, glaubt sie ihm nicht. Das ist für Sick im Nachhinein der Bruch, der dafür sorgt, dass er sich allein, verlassen und nicht verstanden fühlt. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden beginnt er, erst Cannabis und wenig später Heroin zu rauchen. Endlich stellt sich ein Gefühl der Geborgenheit ein, berichtet Sick mehr als dreißig Jahre danach.

Alles dreht sich um die Sucht

Doch spätestens, als der junge Mann beginnt, Kokain zu konsumieren, baut er deutlich ab. Sein Leben dreht sich nur noch um Drogen und Einbrüche, um die Sucht finanzieren zu können. Damals sei ihm alles egal gewesen, sagt Sick in der Gesprächszeit: "Auch, dass ich sterbe, war scheißegal. Am Ende dieser Phase habe ich nur noch 48 Kilo gewogen.“

Beendet wird diese Phase erst, als Sick verhaftet wird. In den kommenden Jahren muss er wegen Beschaffungskriminalität mehrmals ins Gefängnis. Er begeht Einbrüche und handelt mit Cannabis – und zwar ausschließlich mit Cannabis:

Heroin verkaufen kommt für mich – auch wenn die Leute denken, ich habe im Knast gesessen und bin ein Asi – moralisch nicht in Frage. Ich will keinen vergiften. Und das tust Du halt, wenn Du Kokain, Heroin oder andere harte Substanzen verkaufst.

Zeit sich zu ändern

"Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so ferngesteuert gefühlt wie von Kokain“, sagt der 47-Jährige heute, wenn er in Schulen geht und dort Präventionsarbeit macht. Dabei hängen die Jugendlichen an seinen Lippen.

Den Willen, wieder ein drogenfreies Leben zu führen, bekommt Sick erst, als 2003 seine Tochter geboren wird. Der Weg dahin dauert jedoch. "Ich habe damals jede Nacht an ihrem Bett gesessen, geheult und gedacht: Wenn du das nicht hinkriegst, kannst du es deinem Kind auch nicht beibringen, und dann wird sie vermutlich so ein emotionsarmes Leben führen wie du – und vielleicht auch noch ständig das Gefühl haben, das wegzumachen, das zu betäuben, dieses komische Gefühl, mit dem man nicht zurechtkommt."

Sick hat es geschafft, den Teufelskreis von Sucht und Kriminalität zu durchbrechen. Viele Männer in seiner Familie waren Alkoholiker: "Mein Vater ist im Grunde genommen Alkoholiker. Der hat einen Bier-Kühlschrank, der größer ist als der Lebensmittel-Kühlschrank. Die Brüder meiner Mutter waren alle so drauf wie ich: Alkohol, Klauen, Einbrechen – nur mit dem Heroin, da war ich das schwarze Schaf."

Gesund und glücklich

Die Drogen haben Jahrzehnte seines Lebens bestimmt. Viele Menschen überleben so eine Drogenkarriere gar nicht. Es war anstrengend und teuer, sagt der 47-Jährige. Geld spielt für Sick heute nur noch eine untergeordnete Rolle:

Hauptsache, ich kann meine Rechnungen bezahlen und meine Liebsten ein bißchen glücklich machen. Gesundheit ist für mich mittlerweile wichtiger als Geld.

Moderation: Katharina Lohmeyer

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 26. März 2020, 18:05 Uhr

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