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Schabnam Ruhin

Fußballerin

13. Juni 2019, 18:05 Uhr

Als Kind musste sich die Tochter afghanischer Eltern anhören, dass Frauen nicht kicken, sondern in die Küche gehören. Aber die Hamburgerin Schabnam Ruhin schaffte es bis ins Nationalteam der afghanischen Frauen. Weil sie ohne Kopftuch und an Armen und Beinen unbedeckt spielte, nahm sie dafür auch Beleidigungen und Shitstorms nach jedem Sieg in Kauf. Bis sie mit dem Verband brach.

Schabnam Ruhin  [Quelle: Schabnam Ruhin, Asmus Henkel]
Schabnam Ruhin [Quelle: Schabnam Ruhin, Asmus Henkel]

Schabnam Ruhins Eltern kamen 1989 nach Deutschland. In Hamburg-Wilhelmsburg fand die Familie ein neues Zuhause, wo Schabnam immer wieder Jungs beobachtete, die auf Bolzplätzen kickten. Und Schabnam Ruhin wollte auch. Das Fußballspielen war am Anfang auch eine Trotzreaktion, erinnert sie sich. Sie wollte ihrer afghanischen Community einfach beweisen, dass auch Mädchen super Fußball spielen können.

Ich hab' das gesehen und dachte mir: "Das was die können, kann ich genauso!"

"Du hast hier nichts auf dem Platz zu suchen!"

Auch Schwester Mariam wurde von Schabnams Begeisterung mitgerissen. Doch Mädchenmannschaften zu finden, war gar nicht so einfach. Erst als der Bruder anfing, bei Einigkeit Wilhelmsburg in einer Mannschaft zu spielen, wurde Familie Ruhin auch für die Töchter Schabnam und Mariam fündig. Doch ihre Mutter und viele der afghanischen Freunde der Familie waren alles andere als begeistert.

Ich musste mir so was anhören, wie "Mädchen können nicht Fußballspielen, Mädchen müssen kochen" oder "Du hast hier nichts auf dem Platz zu suchen". Solche Reaktionen gab es auch, aber es gab auch Reaktionen wie "Wow, es ist so selten, dass eine Frau Fußball spielt" – es gab beides.
Mariam und Schabnam Ruhin [Quelle: Schabnam Ruhin]
Zusammen mit ihrer Schwester Mariam hat Schabnam Ruhin ihre fußballerische Karriere gestartet. [Quelle: Schabnam Ruhin]

Abenteuer Südasien-Meisterschaft in Sri Lanka

Dass es eine Frauen-Nationalmannschaft in Afghanistan gibt, wussten Schabnam Ruhin und ihre Schwester lange Zeit nicht. Bis sie nach einem ganz normalen Ligaspiel von Einigkeit Wilhelmsburg von einem afghanischen Paar angesprochen wurden und schließlich ein Scout beim Training vorbeischaute. Schließlich wurden Schabnam Ruhin und ihre Schwester 2012 gefragt, ob sie Lust hätten bei der Südasienmeisterschaft in Sri Lanka mitzuspielen. Die Mannschaft war zusammengewürfelt aus Spielerinnen aus Amerika, Afghanistan und Deutschland.

Wir haben uns einen Tag vor den Spielen getroffen und mussten uns da erst mal kennenlernen und haben dann auch erst angefangen miteinander zu trainieren. Das war ein großes Durcheinander. Vor allem beim Fußballspielen – das ist ein Team-Sport!

Beleidigt, beschimpft und unter Druck gesetzt

Gegen Pakistan schoss Schabnam Ruhin zwei Tore, das Team kam überraschend bis ins Halbfinale. Der Shitstorm dagegen, der daraufhin über das Team hereinbrach, kam für Ruhin wenig überraschend. Da die Spielerinnen ohne Kopftuch und an den Armen und Beinen unbedeckt spielten, wurden die Spielerinnen und ihre Familien beleidigt und beschimpft.

Diese Angriffe, die haben schon weh getan, das muss ich schon sagen.

Immerhin: Schabnam Ruhin konnte danach wieder zurück nach Hamburg fliegen. Ihre afghanischen Mitspielerinnen dagegen wurden zu Hause auf offener Straße angespuckt und mit Steinen beworfen, berichtet Ruhin.

Missbrauchsskandal und Knebelvertrag bedeuten das Ende

Mitte 2018 aber brach Ruhin mit dem afghanischen Frauen-Nationalteam, für das sie eigentlich sehr gerne gespielt hatte. Die Gründe dafür waren vielschichtig. Zum einen gab es Gerüchte über sexuellen Missbrauch. Verbandsfunktionäre sollen Ruhins afganische Teamkolleginnen – vor allem aus armen Familien – unter Druck gesetzt, erpresst und vergewaltigt haben.

Das hat mich runtergerissen, das hat mich einfach nur traurig gemacht. Ich musste weinen, als ich das gehört habe.

Die Fifa hat inzwischen Ermittlungen eingeleitet. Zweitens wollte der Verband seine Spielerinnen mit einem Vertrag vorschreiben, Kopftuch zu tragen und sie kontrollieren. In einer abgesprochenen Aktion traten alle ausländischen Spielerinnen aus dem Nationalteam zurück.

In diesem Vertrag standen Sachen wie: "Ihr dürft nur mit Erlaubnis mit den Medien sprechen" und "Ihr dürft keinen Sponsor außerhalb der afghanischen Federation annehmen".

Ihr Traum? Trainerin zu werden

Heute studiert Schabnam Ruhin Medizintechnik und trainiert ein Team, das in der Hamburger Verbandsliga spielt. Dafür hat sie an der Universität extra einen Zettel aufgehängt, um Studentinnen mit Migrationshintergrund zu finden. Frauen, "die vielleicht eine ähnliche Geschichte wie ich haben", lacht die 28-Jährige. Außerdem macht sie in Schulen Workshops, denn Bildung und Sport zu verbinden, das ist ihr sehr wichtig. Und sie arbeitet an ihrer offiziellen Trainerinnen-Lizenz, denn das wäre ihr Traum: Hauptberuflich Fußballtrainerin zu sein.

Der Fußball hat mir nicht nur Durchhaltevermögen gegeben, sondern mich motiviert. Ich bin selbstbewusster geworden und er hat mir viele Türen geöffnet.

Das Gespräch zum Anhören:
"Fußball hat mir Durchhaltevermögen gegeben" – Schabnam Ruhin [31:49 Minuten]

Moderation: .Julia Meichsner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 13. Juni 2019, 18:05 Uhr

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