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Rüdiger Nehberg (†)

Abenteurer und engagierter Aktivist

3. April 2020, 13:05 Uhr

"Sir Vival" – durch 84 Jahre Extrem-Leben hat sich Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg diesen Titel hart verdient. Sein Schutzengel war in den vergangenen Jahrzehnten bei 25 bewaffneten Überfällen schwer beschäftigt, zuletzt widmete er sein Leben dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Nun ist der Abenteurer gestorben.

Der deutsche Survival-Experte und Aktivist für Menschenrechte, Rüdiger Nehberg, liegt am 21.04.2015 in Rausdorf (Schleswig-Holstein) in einem Wald auf seinem Privatgrundstück neben einem selbst entfachten Lagerfeuer.  [Quelle: DPA, Axel Heimken]
Rüdiger Nehberg [Quelle: DPA, Axel Heimken]

"Als Beduine zu Beduinen" – Aktivist Rüdiger Nehberg [32:38 Minuten]

Sein letztes Engagement galt einer Mission, die dem Überleben und dem Schutz von Frauen dient. Unter dem Namen "Target – Gezielte Aktion für Menschenrechte" setzte sich Nehberg für die Ächtung weiblicher Genitalverstümmelung ein. Ein traditionelles Ritual, das immer noch jedes Jahr Tausende von Leben kostet und für die überlebenden Frauen häufig ein lebenslanges Trauma mit sich bringt.

Weil vor dem Islam alle Bammel haben und ich mit dem Islam eigentlich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, kam mir die Idee, die höchsten Geistlichen dazuzubringen, den Brauch klipp und klar zur Sünde zu erklären. Und das war es, wo mich alle für verrückt hielten, alle außer Amnesty International.

(Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio)

Die beste Entscheidung seines Lebens

Im hohen Alter eine eigene Organisation zu gründen, sei "der beste Entschluss" seines Lebens gewesen, sagte Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio, dem Vorgänger-Progamm von Bremen Zwei. Mit Imamen, Sheichs und Muftis reiste er zu Gruppen, wo der Brauch weiterhin praktiziert wird.

Ich komme als Beduine zu Beduinen – voll auf Augenhöhe.

(Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio)

Durch seine Survival-Reisen hatte Nehberg vielfältige Kontakte geknüpft, auf die er bei seiner heutigen Arbeit aufbauen kann. So konnte er in Begleitung gefahrlos durch manche Gebiete reisen und mit Stammesführern sprechen. Um auch an die Frauen heranzukommen, war Nehberg mit seiner Frau Anette unterwegs.

Geistliche denken um – und Nehberg will um Mekka kämpfen

Sein größter Erfolg: Eine Fatwa von Kairo im November 2006. Seine Frau Annette durfte Großscheich al-Azhar, dem damalige Großmufti von Ägypten, ʿAli Gumʿa und dem Hardliner Yusuf al-Qaradawi ein Video zur Genitalverstümmelung zeigen. Anschließend beschlossen die geistlichen Führer klar, dass weibliche Genitalverstümmelung Sünde sei. Ein unvergesslicher Moment für Rüdiger Nehberg.

Das vergisst man nie im Leben – egal, ob ich noch mal 80 Jahre alt werde – weil das der Höhepunkt meines Lebens war.

(Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio)

Doch trotz dieser Fatwa gehen die Zahlen von weiblicher Beschneidung weltweit nur gering zurück, was Nehberg sehr wütend machte. Doch punktuell, wo sich Nehberg stark persönlich engagierte, wie beim Nomadenvolk der Afar in Äthiopien, ist es stark rückläufig. Ein Handicap sei, dass das Thema tabuisiert werde, und zu wenig darüber gesprochen werde, so Nehberg 2015 im Nordwestradio. Und deswegen hatte der Unermüdliche auch in seinen letzten Lebensjahren immer noch eine Vision.

Ich möchte erreichen, dass der letzte große Entscheidungsträger, der König von Saudi-Arabien, ebenfalls den Mut aufbringt, diese tolle Botschaft von Mekka auszusenden. Dann wäre das blitzschnell um die Welt.

(Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio)

Der Konditor sucht das Abenteuer

Der gelernte Konditor Rüdiger Nehberg war schon mit 30 Jahren mit drei Läden selbständig. Doch nachdem der Betrieb lief, suchte er nach Abwechslung. Nehberg konnte nicht mehr stillhalten und steckt seine Kreativität in abenteuerliche Reisen.

Rüdiger Nehberg [Quelle: Radio Bremen, Maria Klindworth]
2015 besuchte Rüdiger Nehberg Radio Bremen. [Quelle: Radio Bremen, Maria Klindworth]

Schon seine Expeditionen verband Nehberg immer mit politischen Aktionen. Er durchquerte Deutschland ohne Nahrung und überquerte den Atlantik mit einem Floß, um auf das Schicksal des Yanomami-Volks aufmerksam zu machen. Was er jedoch nicht vergessen kann, ist die Ermordung seines Freundes am Blauen Nil während seiner Abenteurer-Zeit 1975. Nehberg und sein Team wurden mit Schusswaffen überfallen und waren anschließend fünf Tage in Angst auf der Flucht.

Natur und der Rummel des internationalen Parketts

Sesshaft werden wollte Rüdiger Nehberg Zeit seines Lebens nicht, obwohl er zuletzt in einer Mühle in Rausdorf bei Hamburg wohnte. Ihn reizte der Wechsel zwischen Heimat und Ferne, brauchte neben dem Leben in der Natur auch das internationale Treiben. Aber gemütlich bei Kaminfeuer konnte es bei Nehbergs in Rausdorf auch werden.

Für mich war wichtig, das Leben sofort zu nutzen.

(Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio)

Als welches Tier er wiedergeboren werden möchte und was er mit 99 Jahren noch erleben wollte, hat der Aktivist und engagierte Abenteurer Rüdiger Nehberg 2015 im Nordwestradio erzählt. Aus Anlass seines Todes wiederholen wir dieses Gespräch in der Gesprächszeit auf Bremen Zwei.

Moderation: Otmar Willi Weber

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 3. April 2020, 18:05 Uhr

Mehr über Rüdiger Nehbergs Arbeit:

Target – Gezielte Aktion für Menschenrechte Website von Rüdiger Nehberg
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