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Rolf Barkhorn

1967 ausgewandert in die DDR

2. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Unter Lebensgefahr verließen Millionen Menschen zwischen 1961 und 1989 die DDR. Doch die Familie von Rolf Barkhorn ist den anderen Weg gegangen. Raus aus Westdeutschland – rein in die Ostzone. "Das hat damals keiner verstanden", erinnert er sich. Die ersten elf Jahre seines Lebens wuchs er im Westen auf, als Teenager dann in der DDR.

Rolf Barkhorn [Quelle: Radio Bremen]
Rolf Barkhorn

Das Gespräch zum Anhören:
"Das hat keiner verstanden" – DDR-Auswanderer Rolf Barkhorn [35:13 Minuten]

Um die 3,8 Millionen Menschen haben zwischen 1949 und 1989 aus der DDR in den Westen rübergemacht – spätestens seitdem die Mauer stand auch unter Lebensgefahr an der innerdeutschen Grenze. Während dieser 40 Jahre gab es aber auch rund eine halbe Million Menschen, die aus Westdeutschland in die DDR gegangen sind.

Das tat auch die Familie von Rolf Barkhorn aus Bremerhaven. Heute lebt er im Ostseebad Kühlungsborn. Immer noch in Ost-, nein, in Norddeutschland, wie er sagt. 30 Jahre nach der Wende hat Rolf Barkhorn seine Kindheitsgeschichte zwischen zwei Buchdeckel gepackt: "Rübergemacht, aber andersrum: (m)eine deutsch-deutsche Familiengeschichte", so der Titel des humorvollen Taschenbuchs.  Sehr locker und frei, im Eigenverlag, auch ökologisch sinnvoll, als "Book on demand" für 8,99 oder als eBook für den Kindle für 5,99. Nach einem Bankrott als Diskobetreiber nach der Wende und zwei Umschulungen arbeitet Barkhorn bereits viele Jahre für die Lokalpresse an der Ostsee.

"Das hat keiner verstanden"

Als er im Alter von elf Jahren gemeinsam mit seinen Eltern und fünf Geschwistern über die Grenze Richtung Osten flüchtet, kommt er zunächst in ein Auffanglager. Die Eltern werden durchgecheckt und zurückgeschickt. Erst nachdem die Wirtschaftsflüchtlinge, die mit einem Gasthaus im Westen pleite gegangen waren, alles geklärt haben, dürfen sie ordentlich einwandern. Als Rolf also plötzlich wieder in der Schule in Bremerhaven auftaucht, erntet er nur Unverständnis.

Als dann raus war, wir ziehen um – als wir uns geoutet haben – das hat keiner verstanden!

"Wie macht man so was, da werden doch Leute erschossen. Da fährt man doch nicht freiwillig hin“, zitiert Rolf Barkhorn seine Mitschüler aus dem Gedächtnis. Aber seine Mutter, 1967 war sie Mitte 30, hatte Verwandtschaft drüben und war selbst bis zu ihrem 20. Lebensjahr in Pritzwalk aufgewachsen. Außerdem weigerte sich die West-Krankenkasse, nach einer verheerenden Nierendiagnose die Behandlung der Mutter zu zahlen. Das war schließlich der Auslöser für den ungewöhnlichen Umzug.

"Ich habe meine "Mickey Mouse" vermisst!"

Statt zum Wunschwohnort kam die Familie in eine kleine Siedlung in der Nähe von Wittstock. Rolf Barkhorn erzählt offen von seinen Kindheitserinnerungen, von harter Feldarbeit und Stasi-Beschützern, die ihn und ein 160-köpfiges Jugendorchester begleiteten.

Ich habe meine "Mickey Mouse" vermisst. Ich habe mir damit beholfen, dass ich meine eigenen Comics gemalt habe. Da habe ich eine eigene Figur, eine Mäuse-Figur erfunden, und hab die dann an Schulfreunde verkauft.

Auch wenn die DDR manchmal nervig war, insbesondere weil alles ideologisch verpackt wurde, macht keines der sechs Geschwister den Auswanderungsschritt der Eltern rückgängig – auch nach 1989 nicht.

Moderation: Mario Neumann

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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