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Gesprächszeit

René Rautenhaus

Schornsteinfeger

13. März 2020, 18:05 Uhr

An einem Februar-Morgen um 6:30 Uhr sieht René Rautenhaus unser Schild mit der Frage"Eine Stunde reden?". Er kommt wie gewohnt morgens in einen Kiosk in der Bremer Parkallee und holt seinen ersten Kaffee. Das macht der Schornsteinfeger nahezu täglich, bevor er auf Tour geht. Der 25-Jährige lässt sich darauf ein und erzählt aus seinem Leben, das jahrelang von Glücksspielsucht geprägt war.

René Rautenhaus [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
René Rautenhaus [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

"Spieler sind die größten Lügner" – René Rautenhaus [36:46 Minuten]

Wer Pech hat, gewinnt am Anfang. Und René hatte Pech. Als er das erste Mal an einem Glücksspielautomaten steht, gewinnt er. Rund 60 Euro dürften das damals gewesen sein, vor etwa fünf Jahren auf einer Fähre. Er gerät langsam aber sicher in den Sog einer Glücksspielsucht. Denn immer, wenn er am Automaten steht, ist alles andere egal, kann er abschalten, hört er auf zu denken, kommt in den Leerlauf.

Die Bude sah aus wie Mist. Und dann war es so: Komm ab in die Halle nach dem Training, zum spielen und einfach nur sitzen und den Automaten rattern sehen.

Gleichzeitig schlummert tief drinnen immer der Wunsch oder die Hoffnung, etwas zu gewinnen. Irgendwann zwischendurch passiert das auch mal. Aber am Ende des Tages gewinnt immer der Automat.

Notbremse und Therapie

Mitte vergangenen Jahres zieht er die Notbremse, macht im Herbst sechs Wochen Therapie in einer Klinik in Bremen-Oberneuland. Der größte Gewinn dabei ist der Austausch mit anderen suchtkranken Menschen. Auch von seiner Selbsthilfegruppe ist René absolut überzeugt.

Weil man sich mit Gleichgesinnten austauscht. Letztendlich haben wir das Problem, dass wir anfangen zu schwitzen an den Fingern, weil wir nervös sind, weil wir nicht spielen. Und Spieler sind die größten Lügner, die erfinderischsten Lügner. Ich glaub', ich hab meinen Eltern jahrelang erzählt, dass ich zu einer Freundin gehe, jeden Abend.

René Rautenhaus ist jetzt seit mehreren Monaten spielfrei und fühlt sich im Moment so stark, dass er glaubt, dass das auch noch viele Monate und Jahre so bleibt – am liebsten für immer. Seine Botschaft: Niemand, egal, wegen welcher Suchtproblematik auch immer, sollte im eigenen Saft schmoren, sondern sich Hilfe holen. Auch wenn einem das im ersten Moment schwer fällt.

Es war auch so, dass ich meinen Eltern gesagt habe, ich möchte nicht, dass sie mit ihrem Freundeskreis darüber sprechen, über meine Spielsucht. Und jetzt sitze ich hier im Radio und spreche darüber, und das ist ein Riesenschritt, darüber zu sprechen.

Auf dem Weg zum Meister

René ist unterwegs auf den Dächern von Bremen, auch wenn das Fegen von Schornsteinen nur notwendig ist, wenn in einem Haus ein Bollerofen steht, in dem Holz verbrannt wird. Trotzdem muss der Schornsteinfeger jede Heizungsanlage regelmäßig kontrollieren, Abgaswerte messen, Ursachen für Fehler finden und sie beheben. Ein Job, der ihm Spaß macht und in dem er seine Zukunft sieht.

Noch in diesem Jahr möchte er seine Meisterprüfung machen und irgendwann dann als Schornsteinfeger selbständig einen Bezirk übernehmen. Was ihn persönlich an seinem Job am meisten fasziniert? Die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen.

Hilfe bei Glückspielsucht

Spüren Sie ein unwiderstehliches Verlangen nach Glücksspiel, Sportwetten oder Online-Casinos? Sind Sie Angehöriger eines Spielsüchtigen? Oder brauchen Sie Informationen zum Thema Glückspielsucht oder eine Suchtberatung? Die Bremer Fachstelle Glücksspielsucht hilft Ihnen mit Kontakten zu Selbsthilfegruppen und Beratungsangeboten weiter unter der Telefonnummer 0421/98979-27 und unter www.gluecksspielsucht-bremen.de.

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 13. März 2020, 18:05 Uhr

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