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Reinhard Schneider

Unternehmer und Träger des Deutschen Umweltpreises 2019

25. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Shampoo aus Altplastik-Flaschen? Das galt lange als technologisch nicht machbar, zu teuer und überhaupt: Welcher Verbraucher soll denn so etwas kaufen? Reinhard Schneider hat all diese Bedenken über Bord geworfen und mit der Marke "Frosch" und jeder Menge Pioniergeist konsequent Altplastikverpackungen entwickelt. Dafür bekommt er den hoch dotierten Deutschen Umweltpreis.

Reinhard Schneider [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]
Reinhard Schneider [Quelle: Radio Bremen, Birgit Kolkmann]

Das Gespräch zum Anhören:
"Nachhaltigkeit gibt es nicht als "Limited Edition" –"Frosch"-Chef Reinhard Schneider [38:26 Minuten]

Reinhard Schneider ist als "Schrittmacher im Umweltschutz" einer der beiden Preisträger des Deutschen Umweltpreises 2019. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) würdigt damit seinen Einsatz für ganzheitliche und nachhaltige Produktion, den konsequenten Einsatz von Altplastik für neue Verpackungen und die Verwendung von heimischen Pflanzenölen statt des umstrittenen Palmöls. Schneider habe konsequent ökologische Produkte in einem Massenmarkt mehrheitsfähig gemacht, so die DBU.

Wenn der Verbraucher über sein Einkaufsverhalten zeigt, dass er das würdigt, dann muss die Industrie folgen. Dann gibt es keine Ausrede. Es gibt nur eine einzige Kraft, der die Industrie immer folgen muss, ohne Ausweichmöglichkeiten – und das ist die Nachfrage.

Nachhaltigkeit gibt es nicht als "Limited Edition"

Deutscher Umweltpreis

Bundespräsident Steinmeier wird den mit 500.000 Euro hochdotierten Preis am 27. Oktober in Mannheim überreichen. Seinen Anteil vom Preisgeld, 250.000 Euro, will Schneider in Aufforstungs-Programme für den tropischen Regenwald investieren.

Was Schneider anpackt, scheint zu funktionieren. Die Nachfrage der Kunden wächst immer mehr – gerade erst hat "Frosch" die erste Kosmetikflasche aus 100 Prozent Altplastik mit neuen Duschlotionen auf den Markt gebracht, da  fragt die Kundschaft schon nach Bodylotions. Und Reinhard Schneider steht voll und ganz zur Nachhaltigkeit: mit seinen Produkten, in seinem Unternehmen, für die Kunden und die Mitarbeiter.

Das Wichtigste ist das Thema Ganzheitlichkeit. Wenn man sich auf Nachhaltigkeit einlässt, dann kann man das nicht in einer Limited-Edition machen oder zeitlich begrenzt, sondern muss sich so ausrichten, dass am Ende mehr oder weniger jede unternehmerische Entscheidung diesem Primat auch folgt.

Mit der Schuhcreme-Innovation ging alles los

Schneiders Firma "Werner & Mertz" gibt es schon seit 150 Jahren und alles fing einmal mit Schuhcreme an. 1901 entwickelte der Chef der Mainzer Wachswarenfabrik eine völlig neuartige Schuhcreme auf Wachsbasis. Pflegen sollte sie das Leder, unempfindlich machen gegen Wasser und den Schuh schön glänzend machen – wie einen Frosch. Der Frosch kam auf die Dose, die Schuhcreme rein und damit kam der Erfolg. Die Frosch-Marke "Erdal" gibt es bis heute, Generationen wuchsen mit der Schuhcreme auf, sie fand reissenden Absatz. Reinhard Schneider erzählt in der Gesprächszeit, dass die Idee, die Marke mit dem Frosch zu erfinden, ein großer Glücksfall war. Davon lebt die Firma bis heute. Das Logo kennt praktisch jeder.

Märchenwesen und Tiere zu Marken zu machen, war damals ein Trend: Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch die "Bärenmarke" oder "Schwan-Stabilo" erfunden.

"Wir stellen die Technologie allen zur Verfügung"

Reinhard Schneider selbst ist 1968 geboren, er studierte Betriebswirtschaft in der Schweiz, arbeitete mehrere Jahre beim großen Nestlé-Konzern und kehrte im Jahr 2000 zurück nach Mainz und übernahm das Familienunternehmen. Zuvor war es nach dem frühen Tod des Vaters neun Jahre von Managern geleitet worden, und die Empfehlung der Banker an den jungen Firmenchef war: "Schnell verkaufen, bevor es nichts mehr wert ist."

Aber Reinhard Schneider hat nicht verkauft. Er hat sich Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt, das Sortiment an Öko-Reinigungsmitteln ausgebaut, die Rezepturen verbessert. Er hat den Kampf mit Handelsriesen wie Schlecker aufgenommen, gewonnen und dann den Entschluss gefasst, etwas gegen die Vermüllung der Welt mit Plastik zu tun. Den Schatz aus dem Gelben Sack hat Schneider gehoben. In der Forschung und Herstellung fand er die richtigen Partner und die richtige Technologie zur Altplastik-Verwertung – und gibt sie auch noch weiter.

Wir haben mittlerweile einen Weltrekord aufgestellt, den wir auch weiter verlängern jedes Jahr, mittlerweile über 307 Millionen Flaschen,  die wir so in Verkehr gebracht haben aus 100 Prozent Recyclat. (...) Und wir machen das als Open Innovation, das heißt, wir patentieren es nicht, um es wegzusperren, sondern wir wollen lieber der Pionier eines neuen Marktstandards sein und stellen die Technologie allen zur Verfügung.

Also ist es doch möglich, die Welt zu retten?

Der Werner & Mertz-Chef, auch Vater von zwei Kindern, ist optimistisch. Er ist einer der "Entrepreneurs for Future", die die Forderungen der "Fridays for Future"-Bewegung auf Unternehmensseite vertreten und umzusetzen versuchen. Und er setzt auf die junge Generation vor allem als mündige und mächtige Verbraucher, die die Gesetze des Marktes und die Rolle der Kundschaft am besten schon in der Schule lernen sollten.

Der Verbraucher hat eine sehr viel größere Macht, auch über sein Portemonnaie am Einkaufsregal, als er oft denkt. Man ist der Wirtschaft, der Politik nicht ausgeliefert. Das, was die Wirtschaft am schnellsten und direktesten leitet, ist die Art der Nachfrage.

Moderation: Birgit Kolkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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