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Rabi Akil

34 Jahre Maskenbildner am Bremer Theater

11. August 2020, 18:05 Uhr

"Eine große Wunde oder ein abgehackter Kopf – das ist schön für mich" – Rabi Akil lacht, wenn er von diesem Teil seiner Arbeit erzählt. Denn wenn er aus einem Gesicht eine Fratze machen durfte, kribbelte es ihm in den Fingern. 34 Jahre lang war die Maskenbildner-Werkstatt des Bremer Theaters sein Zuhause – mit 69 hat der Chef-Maskenbildner 2019 aufgehört.

Rabi Akil  [Quelle: Radio Bremen, Alexander Brauer]
Rabi Akil [Quelle: Radio Bremen, Alexander Brauer]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ein abgehackter Kopf ist schön für mich" – Maskenbildner Rabi Akil [34:42 Minuten]

Bei einem Blick in seine ehemalige Maskenbildner-Werkstatt kommt der Laie kaum aus dem Staunen heraus: Masken schauen von den Wänden herab, Tiegel, Töpfe und verschiedenste Materialien laden zum kreativen Gestalten ein und über 1.800 Perücken – die meisten selbstgemacht – hat Rabi Akil in seiner Werkstatt in Bremen verstaut. Für jeden Schauspieler und für jede Schauspielerin gibt es eigene Modelle, die genau zum jeweiligen Kopf passen.

Wenn ein neuer Schauspieler kommt, machen wir sofort einen Abdruck. Ob der jetzt eine Perücke bekommt oder nicht. Von heute auf morgen kann man dann sagen: "Wir brauchen für ihn eine Perücke". Man hat nur sechs Wochen Zeit bis die Premiere rauskommt.

So gelang ihm einmal auch ein wirkliches Glanzstück: Als ein Schauspieler einmal kurz vor der Premiere krank ausfiel, verwandelte Akil eine schlanke Frau mit langen Haaren innerhalb kürzester Zeit in einen übergewichtigen Mann mit schütterem Haar.

Bei blutigen "Wunden" kribbeln die Maskenbildner-Finger

"Geht nicht, gibt's nicht" sagt Akil. Improvisationstalent ist am Theater auch in der Maskenbildnerei gefragt. Mit Latex modellierte er Gesichtsteile, baute imposante Pferdekopfmasken und einmal nahm er wie ein Zahntechniker Abdrücke von Zähnen um eine Kieferprothese zu fertigen. Doch am liebsten war es ihm, wenn seine Fertigkeiten bei blutigen Szenen gefragt waren.

Ein große Wunde oder abgehackter Kopf – das ist schön für mich. Das kribbelt immer, wenn ich so was machen kann.

Nur Abpudern reichte ihm nicht

Bremen ist inzwischen Rabi Akils Wahlheimat. Aufgewachsen ist er in Beirut im Libanon. Weil er damals dort den Schulabschluss nicht schaffte, fing er im Friseursalon seines Bruders an, der nebenbei auch ein bisschen schauspielerte. Sein Bruder frisierte die Herren – Akil die Damen.

Mit Frauenhaaren kann man viel mehr machen. Hochstecken – es ist irgendwie mehr Fantasie.

Als Visagist im Mode-Business machte er weiter. Doch nur "Schönschminken" und Abpudern? Das reichte Akil nicht. Deswegen ging er nach Amerika und Europa, um sich in "Special Effects" weiterzubilden. Deutschland sollte dabei eigentlich nur eine Zwischenstation sein. Doch dann bracht 1975 im Libanon der Bürgerkrieg aus und Akil hörte monatelang nichts von seiner Familie. Während er versuchte, über Rundfunk und Fernsehen an Informationen zu kommen, wartete er auf eine Rückkehrmöglichkeit. In der Zwischenzeit verschafften ihm Freunde Arbeit in einem Friseursalon in Vegesack.

Aber dann habe ich gesagt: 'Deswegen bin ich nicht hergekommen.' Als Friseur hätte ich bleiben können – ich wollte was lernen!

Im Taxi vom Concordia-Theater zum Goetheplatz

Nachdem Akil in Hannover eine Maskenbildnerausbildung machen konnte, kam er 1984 ans Bremer Theater. Am Goetheplatz, im Brauhauskeller, im Concordia-Theater oder am Güterbahnhof bediente er mit seinem Team mehrere Spielorte und Aufführungen – oft an einem Abend.

Manchmal habe ich am Goetheplatz geschminkt und dann stand das Taxi vor der Tür und ich musste mit dem Taxi ins Concordia, um zwei Schauspielern zu helfen – und wieder zurück manchmal.

Viel Arbeit hat Akil in die Maskenbildnerwerkstatt des Bremer Theaters gesteckt. Und weil das Bremer Theater keinen Nachfolger gefunden hatte, als er 65 wurde, hat er einfach noch weitergearbeitet. Einfach gehen und das Theater und das Team im Stich lassen? Das wäre nicht gegangen, sagt Akil. Doch mit 69 Jahren hat er den Schlüssel zur Werkstatt abgegeben.

Moderation: Alexander Brauer

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. August 2020, 18:05 Uhr

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