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Pınar Karabulut

Theaterregisseurin

16. September 2019, 18:05 Uhr

Mit einem Traumstart hat sie die Theaterwelt erobert. Vor fünf Jahren hat Pınar Karabulut in Köln ihr Regiedebüt gegeben und seitdem muss sie sich um Aufträge nicht sorgen. Die kommen von bedeutenden Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jetzt hat sie am Theater Bremen mit der Uraufführung "Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig" von Mehdi Moradpour die neue Spielzeit eröffnet.

Pınar Karabulut  [Quelle: Pınar Karabulut, Julia Sang Nguyen]
Pınar Karabulut [Quelle: Pınar Karabulut, Julia Sang Nguyen]

Das Gespräch zum Anhören:
"Es gibt keinen Stillstand" – Pınar Karabulut – Theaterregisseurin [38:10 Minuten]

Ihre Inszenierungen sind pink und poppig, schräg und surrealistisch und vor allem feministisch. Die 32-jährige Regisseurin mit türkischen Wurzeln schreibt dafür Bühnenklassiker um und bestückt ihre Schauspielerinnen mit Leuchtvulven. Auf der Bühne provoziert sie gern, hinter der Bühne geht sie behutsamer vor.

Da finde ich es auch in Ordnung, wenn jemand, der 83 ist und auf den großen Bühnen in ganz Deutschland stand, zu mir sagt: 'Aber das ist doch nicht Theater, was wir hier machen'. Dann sage ich: 'doch' und es entsteht eine tolle Reibung. Da kann ich wahnsinnig viel lernen und auch mit 83 kann man noch lernen. Es gibt keinen Stillstand. Und das ist das Tolle am Theater!

Immer dabei: die Sehnsucht

Die Regisseurin entdeckt nicht nur im Bühnenstoff andere Aspekte als männliche Regisseure, sondern hat auch eine andere Sensibilität in der "Me Too"-Debatte.

Am Theater ist diese "Me too"-Debatte noch sehr tabuisiert. Man hat noch sehr Angst davor. Es wird nach außen mehr kommuniziert als nach innen gelebt. Es muss noch viel aufgearbeitet werden. Jedes Haus müsste sich da selbst überprüfen.

Pınar Karabulut wurde 1987 in Mönchengladbach geboren, als Kind türkischer Gastarbeiter. Sie war das jüngste von fünf Geschwistern und ist in einer deutsch-türkischen Welt aufgewachsen.

Ich bin aufgewachsen mit dem Gefühl meiner Eltern, dass es immer noch eine zweite Heimat gibt. Von Jahr zu Jahr haben sich meine Eltern immer mehr eingelebt in Deutschland und trotzdem: Das Gefühl der Sehnsucht, dass es noch ein Zu Hause gibt, wo der Rest der Familie lebt, das verliert man ja nicht.

Inspiration durch Charlotte Roche

Ihr Interesse am Theater wurde durch Autorin Charlotte Roche geweckt. Die ging auf dasselbe Gymnasium wie sie, in eine höhere Klasse und glänzte bei einer Aufführung der Theater AG. Später sammelte Pınar Karabulut dort selbst ihre ersten Erfahrungen. Mittlerweile hat sie in Köln, Wien, Zürich, Berlin und München inszeniert und wirft einen eigenen Blick auf den Zustand des deutschen Theaters.

Viel mehr Leitungs-Positionen sollten weiblich besetzt werden. Und man müsste auch viel diverser sein. Für mich ist das deutsche Theatersystem sehr weiß. Viele Theater sagen, sie wären divers, aber das ist eine Lüge, denn meistens gibt es nur einen Quoten-Migranten und das ist nicht das Bild einer Stadt. Und das ist zum Beispiel das Schöne, wenn man durch Bremen geht, das ist so bunt und divers.

In Bremen hat sie übrigens nicht nur die Stadt positiv erlebt, sondern vor allem auch das Theater Bremen. Gern würde sie wieder kommen.

Moderation: Christine Gorny

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. September 2019, 18:05 Uhr

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