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Olga Tokarczuk

Literaturnobelpreisträgerin

24. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Blitzlichtgewitter, Interviews und jede Menge Glückwünsche: Die Frankfurter Buchmesse ist in diesem Jahr ziemlich an Olga Togarczuk vorbeigerauscht. Kein Wunder, denn kurz zuvor war bekannt geworden, dass sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird. "Ich kann es noch nicht wirklich fassen", erzählte sie uns, als sie auf der Messe für die "Gesprächszeit" einmal kurz innehalten konnte.

Olga Tokarczuk [Quelle: DPA, Ulrich Baumgarten]
Olga Tokarczuk [Quelle: DPA, Ulrich Baumgarten]

Das Gespräch zum Anhören:
"Wahrheit ist alles, was wir erfahren" – Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk [22:44 Minuten]

Sie ist zur Buchmesse nach Frankfurt gekommen, um ihren neuen Roman "Die Jakobsbücher" vorzustellen. Doch nachdem ihr gerade der Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 zugesprochen worden war, fand sich Olga Tokarczuk mitten in einem Mediensturm wieder. Dabei ist der Preis mental noch gar nicht so richtig bei ihr angekommen.

Ich bin die ganze Zeit auf fremdem Terrain unterwegs und nicht zuhause. Deswegen kann ich noch nicht wirklich fassen, was das für mein Leben überhaupt bedeutet und wie sich mein Leben als Schriftstellerin womöglich verändert.

Da der Literaturnobelpreis im letzten Jahr wegen des Skandals um die Missbrauchsvorwürfe rund um die Schwedische Akademie nicht verliehen wurde, wurden in diesem Jahr zwei Literaturnobelpreisträger ausgezeichnet. Parallel zu Olga Tokarczuk bekam auch der viel kritisierte Peter Handke den Preis für das Jahr 2019 verliehen. Ein bisschen fühle sich es daher wie ein geteilter Preis an, gibt Tokarczuk, die Handkes Prosa sehr schätzt, zu.

"Aberglaube und Mythen gehören zu unserer Lebensrealität"

Viele Leserinnen und Leser werden nun Olga Tokarczuk entdecken und ihre Bücher lesen wollen. Die 57-jährige Polin hat Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und Romane geschrieben, von denen viele schon ins Deutsche übersetzt sind. Sie experimentiert mit Genres und hat ein waches Auge auf die Welt um sie herum.

Ich glaube, dass sich die Welt heutzutage neu erfindet. Und man muss die Erzählformen diesen neuen Erfahrungen anpassen. Und das bedeutet auch, dass es eine Erneuerung der Erzählgenres geben wird.

Ihre Geschichten sind oft verwurzelt in der Realität, trotzdem haben fast alle ihr Werke etwas Surreales oder Magisches. Mythen, Religionen und Märchen spielen bei Olga Tokarczuk immer eine große Rolle. Denn als Psychologin sagt sie: "Wahrheit ist alles, was wir erfahren".

Wenn ein Psychiatrie-Patient Angst verspürt und zum Beispiel Geister sieht und deswegen Schweißausbrüche erlebt, wenn sich also sein Körper durch diese Erfahrungen im Geiste verändert – dann müssen wir das als Wahrheit betrachten.

Der Mensch ist viele Jahrhunderte umhergezogen

Ihr Leben lang hat Olga Tocarczuk Menschen beobachtet, die unterwegs sind. An Flughäfen und Grenzen, sagt sie, hatte sie oft die Gelegenheit zu sehen, wie sich Migranten und Flüchtlinge sammeln. Diese Beobachtungen fließen in ihre Geschichten ein, denn oft handeln diese von Menschen, die wie Nomaden leben. Doch Tokarczuk ist auch überzeugt, dass es Migranten in unserem tiefen Inneren gibt: Unsere vererbten Gene.

Der Mensch ist ja erst seit relativ kurzer Zeit sesshaft geworden. Das sind nur ein paar tausend Jahre. Davor war es eine menschliche Konstante, von Ort zu Ort zu ziehen. Und wenn wir im Sommer alle unsere Sachen packen und das Auto nehmen um irgendwo hinzufahren, dann könnte es sein, dass wir dem Ruf unseres genetischen Erbes folgen.

Eine Stimme in der polnischen Gesellschaft

Auch wenn ihre Romane nicht explizit politisch oder gar moralisch daher kommen, hat Olga Tokarczuk eine wichtige Stimme in der polnischen Gesellschaft. Sie ist bekannt dafür, die nationalkonservativen Regierung zu kritisieren. Dabei ist ihr das Politische nicht in die Wiege gelegt worden. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1989 fand sie es erst einmal zutiefst befreiend, dass sie nicht mehr politisch sein "musste". Erst als der Religionsunterricht wieder an Schulen eingeführt wurde und Polen durch eine große Abtreibungsverbot-Debatte geprägt wurde, klingelten bei Olga Tokarczuk die politischen Alarmglocken.

Ich habe gesehen, dass sich eine Vision von einem künftigen Polen formiert, die auf alten Werten basiert, auf religiösen Überzeugungen, auf nationalistisch geprägten Werten und auf Traditionen. Ich hatte aber etwas ganz anderes erwartet. Ein offenes, liberales Land mit einer egalitären Vorstellung zwischen den Geschlechtern, die auch den Frauen eine größere Freiheit ermöglicht.

In der Gesprächszeit spricht die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk über ihr aktuelles Buch "Die Jakobsbücher", über fiktionale Erzählung und Realitäten in der polnischen Gesellschaft – und natürlich über den Literaturnobelpreis für das Jahr 2018.

Moderation: Esther Willbrandt

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 24. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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