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Nora Fingscheidt

Regisseurin

10. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Was für ein Erfolg: Über 200.000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben ihren Film "Systemsprenger" schon im Kino gesehen, außerdem ist er der deutsche Kandidat für den Oscar. "Das ganze Team ist völlig perplex", freut sich Regisseurin Nora Fingscheidt. Im Mittelpunkt von "Systemsprenger" steht ein neunjähriges Kind, das aus Heimen und Pflegefamilien immer wieder hinausfliegt.

Filmregisseurin Nora Fingscheidt  [Quelle: DPA, Axel Heimken]
Filmregisseurin Nora Fingscheidt [Quelle: DPA, Axel Heimken]

Das Gespräch zum Anhören:
"Ich konnte nicht mehr U-Bahn fahren, ohne Missbrauch zu sehen" – Nora Fingscheidt [38:38 Minuten]

Das Mädchen "Benni" im Film "Systemsprenger" flippt regelmäßig aus, bricht aus, missachtet jegliche Regeln und ist kaum zu bändigen. Die Reaktionen auf den Film waren auch im Ausland oft emotional, sagt Fingscheidt. Auf die Idee, einen Film über ein Kind zu drehen, das durch alle Systeme fällt, ist sie bei einer Dokumentation über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart gekommen. Dort gab es eine 14-Jährige, die die Sozialarbeiter als "Systemsprengerin" bezeichneten.

Ich bin aus allen Wolken gefallen, weil ich dachte: "Was macht denn ein Teenager in dieser Institution?"

"Im wahren Leben ist es nicht so einfach"

Als Zuschauer schwankt man zwischen Mitleid mit einem verletzlichen Kind und dem Gefühl von Wut, wenn es andere Kinder verletzt und Erwachsene wieder einmal verzweifeln lässt. Doch Nora Fingscheidt gibt in ihrem Film weder dem Kind, noch der Mutter, noch dem "System" die Schuld. Schwarz-Weiß-Zeichnerei hält sie für falsch.

Ich glaube, im wahren Leben ist es nicht so einfach. Es sind oft Zusammenhänge von einzelnen Faktoren, die sich negativ begünstigen, und die dann dazu führen, dass man keine Hoffnung mehr hat.
Filmszene: Ein junges Mädchen steht auf einem Feld [Quelle: Port au Prince Pictures, Yunus Roy Imer]
"Benni" bringt in Systemsprenger alle Erwachsenen zum Verzweifeln. [Quelle: Port au Prince Pictures, Yunus Roy Imer]

"Ich konnte nicht mehr U-Bahn fahren, ohne Missbrauch zu sehen"

Für ihren Film hat Fingscheidt schon vor einigen Jahren in mehreren Pflege-Institutionen und Heimen recherchiert und viele verstörende Schicksale gesehen. Weil sie selbst Mutter eines inzwischen achtjährigen Sohnes ist, ging ihr das so nahe, dass Fingscheidt das Filmprojekt erst eine Weile ruhen lassen musste.

Ich konnte nicht mehr mit der U-Bahn fahren, ohne Fälle von Missbrauch zu sehen. Oder an einem Obdachlosen vorbeilaufen und überlegen, wo dessen Kinder wohl jetzt sind. Oder Silvester feiern und nicht darüber nachdenken, wie viele Kinder gerade um zwölf in Schränken eingeschlossen sind und nachher verprügelt werden, weil die Eltern betrunken sind.
Filmszene: Ein junges Mädchen liegt bei einer Frau im Arm. [Quelle: Port au Prince Pictures, Yunus Roy Imer]
Helena Zengel spielt "Benni", die unbedingt zu ihrer Mutter will. [Quelle: Port au Prince Pictures, Yunus Roy Imer]

Zeit hat Fingscheidt auch gebraucht, um die Rolle der "Benni" mit Helena Zengel zu besetzen. Das Wichtigste war, so Fingscheidt, den Dreh für Helena zu einer Erfahrung zu machen, von der sie keinen Schaden nimmt und im Idealfall noch davon profitiert. So durfte Helena, die die Rolle der Systemsprengerin beeindruckend spielt, beim Casting der Erwachsenen dabei sein und Requisiten für den Film aussuchen.

"Ich wollte Titanic noch mal drehen"

Aufgewachsen in Braunschweig, hat Nora Fingscheidt schon als Kind ein Faible für melancholische Geschichten entwickelt. Und sie gab auch damals schon gerne den Ton an, wenn sie mit Freunden Kassetten selber besprach. Mit elf Jahren schließlich wollte sie "Titanic" noch einmal drehen, weil der Film sie emotional so umgehauen hatte. "So, dass Jack überlebt", erinnert sie sich heute lachend. Als Teenager verbrachte sie ein Jahr in Argentinien, wo sie zufällig auf eine Mennoniten-Gemeinde stieß, die sie später zu ihrem Abschlussfilm "Ohne diese Welt" an der Filmakademie Ludwigsburg inspirierte. Was ihre Filme gemeinsam haben? Das Interesse für Randgruppen dieser Gesellschaft.

Zu Gast in der Gesprächszeit erzählt Nora Fingscheidt, warum sie nach neun Jahren in Ludwigsburg doch wieder in eine Großstadt gezogen ist, ihre Filmpartner aus Ludwigsburg aber immer noch an ihrer Seite sind.

Moderation: Kristin Hunfeld

Kino-Tipp: Systemsprenger

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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