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Gesprächszeit

Nhum

Überraschungsgast von Bremen Zwei

25. September 2019, 18:05 Uhr

Wenn am 25. September der Deutsche Radiopreis verliehen wird, blicken auch wir ganz gespannt nach Hamburg. Mit der Gesprächszeit mit Nhum aus Bremen-Gröpelingen sind wir in der Kategorie "Bestes Interview" nominiert. Das Besondere an diesem Gespräch: Moderator Mario Neumann wusste nichts über seinen Gast. Es ist eine Zufallsbegegnung im Radio.

Nhum [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Das Gespräch mit Jürgen Chalermpol Rattana Dreifke, genannt Nhum, wurde in der Kategorie "Bestes Interview" für den Deutschen Radiopreis nominiert [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Das für den Deutschen Radiopreis nominierte Gespräch:
"Mit dunkler Haut und schwarzen Haaren haben Sie's schwer!" – Nhum aus Bremen [36:20 Minuten]

Oft sind es hochkarätige Gäste, die in der Gesprächszeit zu Wort kommen. Aber wie hört es sich an, wenn weder die Redakteurin noch der Moderator den Gast kennt, wenn man nichts vorbereiten kann? Wenn es jemand ist, der uns zufällig in der Bremer Innenstadt begegnet?

Jürgen Chalermpol Rattana Dreifke – genannt Nhum – hat unseren Moderator Mario Neumann in der Bremer Innenstadt als erstes angesprochen, als dieser dort ein Schild hochgehalten hat. "Eine Stunde reden?" stand da drauf. Wie das gemeint ist, wollte Nhum wissen. Mario Neumann hat ihm die Idee hinter diesem neuen Experiment auf Bremen Zwei erzählt. Denn so gerne wir hier mit bekannten Schauspielern, Künstlern oder Buchautoren reden, oder mit in irgendeiner Weise herausragenden Persönlichkeiten, genauso sind wir davon überzeugt, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat. Also haben wir nach einem zufälligen Gast gesucht und Nhum gefunden.

Mich hat immer irgendwas hierher gezogen. Ich bin in dieser Stadt geboren und bin irgendwie mit dieser Stadt verbunden.

Erst Drogen, dann Knast und Therapie

"Nhum ist Thai für Junge", sagt der Mann, den unser Kollege Mario Neumann im Leben nicht auf 40 geschätzt hätte. Im Moment arbeitet er für die Massagepraxis seiner Mutter. Als wir ihn trafen, war er noch nicht mal seit einem halben Jahr mit einer mehrjährigen Therapie durch, die ihm gerichtlich auferlegt worden war. Das war auch eine Art Entzug. Vorher saß Nhum auch in der JVA Oslebshausen ein. Denn er hatte mit Drogen gedealt und bis auf Heroin auch alles selbst ausprobiert. Das mit den Drogen ging schon in jungen Jahren los, und als sein Vater als Versorger für die Familie ausfiel, wollte er als Dealer das schnelle Geld machen, um seiner Schwester die Ausbildung zu ermöglichen, wie Nhum sagt.

Ich hab' ne Chance bekommen, mein Leben noch einmal zu spiegeln: Was war gut, was war nicht gut? Wo habe ich Fehler gemacht, warum habe ich Fehler gemacht? Warum bin ich so wie ich bin?

Seine Angehörigen haben ihm verziehen

Nhum [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Eine Stunde reden? Nhum wollte und hat uns bei Radio Bremen besucht. [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Er ist froh, dass er mit dem Thema durch ist, die schiefe Bahn hinter sich gelassen hat. Glücklicherweise haben ihm auch seine Angehörigen in Thailand verziehen. Denn der familiäre Zusammenhalt ist Nhum wichtig. Er möchte die Menschen, die ihn in seinen ersten Kindheitsjahren begleitet haben, bald mal wieder besuchen. Wie schwach der Zusammenhalt bei deutschen Familien oft ist, kann er kaum nachvollziehen. Die Familie seines Vaters kennt er nicht, da besteht kein Kontakt. Der gelernte Polizist sei damals als Söldner in den Vietnamkrieg gegangen, wo er Nhums Mutter kennenlernte, erzählt der Gröpelinger. Nhum führt eine Fernbeziehung mit einer Frau in den USA und träumt davon, gemeinsam mit ihr ein multinationales Handelsunternehmen aufzuziehen. Außerdem spielt er leidenschaftlich Poker, hat damit auch schon den einen oder anderen Euro verdient.

Sehnsucht nach einem "normalen" Leben

Nhum erzählt offen, spannend und nachvollziehbar von den Turbulenzen, die er in seinem Leben schon hatte. Dank einer Ausbildung zum Bürokaufmann auf dem zweiten Bildungsweg hat er einen Abschluss und sehnt sich nach einem ganz normalen Leben. Mit Frau, Kindern und einem legalen Job. Er lebt gerne in Gröpelingen, weil er da nicht auffällt, mit seinem schlacksigen, leicht humpelnden Gang. Der geht auf eine künstlich verlängerte Achillessehne zurück, weil bei seiner Geburt nicht alles so geklappt hat, wie es sollte. 

Über den zweiten Bildungsweg, die Lehre und so, dafür bin ich dankbar! Aber ich sag' Ihnen ganz ehrlich: Wenn Sie als Junge in Deutschland geboren werden mit dunkler Haut und schwarzen Haaren, dann haben Sie's schwer!

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. September 2019, 18:05 Uhr

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