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Zwei nach Eins

Natalie Amiri

ARD-Korrespondentin für den Iran

29. August 2018, 13:05 Uhr

"Ich liebe den Basar!" Natalie Amiri berichtet für die ARD aus dem Iran und hat uns als erster Bremen Zwei Sommergast erst einmal direkt in die Welt der Teppichhändler und iranischen Leckereien entführt. Wer dort ganz früh aufschlägt, bekomme den Orient im Herzen zu spüren, schwärmt Amiri von ihrem Arbeitsort in Teheran.

Natalie Amiri im Gespräch mit Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]
Natalie Amiri im Gespräch mit Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]

Als eine der wenigen westlichen Journalistinnen im Iran ist Natalie Amiris Wissen derzeit besonders gefragt. Mit dem Rückzug der USA vom internationalen Atomabkommen hat sich die politische Situation im Iran zugespitzt. Und je kritischer die Lage, desto öfter sieht man Natalie Amiri abends im Fernsehen. Doch die ARD-Journalistin will nicht nur das politische Bild, sondern auch das der iranischen Gesellschaft vermitteln.

Im Iran bekommt man alles. Man denkt ja: islamische Republik, restriktiv und man darf nichts (...) auf der anderen Seite gibt eine Parallelgesellschaft – oder besser ein paralleles Leben der Gesellschaft – und da passiert alles, was wir auch machen nur ein bisschen exzessiver.

Natalie Amiri

"Im Moment wackelt alles"

Nach den Auseinandersetzungen um das internationalen Atomabkommen hat sich die wirtschaftliche Lage der Menschen im Iran erheblich verschlechtert, erzählt Natalie Amiri. Die Währung Rial verliert an Wert, es fehlen Jobs und Perspektiven in einem Land, in dem über die Hälfte der 80 Millionen Einwohner unter 30 Jahren sind. Dabei hatten die Iraner gerade an die Annäherung an den Westen durch das Atomabkommen große Hoffnungen geknüpft, die nun enttäuscht zu werden drohen.

Zusätzlich zur Wirtschaftskrise und zu verheerenden Arbeitslosigkeit kommt noch ein interner Machtkampf und die verschiedenen Gruppen legen sich Steine in den Weg und versuchen so die Macht an sich zu reißen, weil sie merken: im Moment wackelt alles und Präsident Rohani sitzt auch nicht mehr fest im Sattel.

Natalie Amiri

Vermittlerin zwischen zwei Völkern

Natalie Amiri im Gespräch mit Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]
Natalie Amiri im Gespräch mit Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]

Auskunftsfreudig, gastfreundlich und neugierig – so erlebt Natalie Amiri die Menschen im Iran bei ihrer Arbeit. Ob sie aus einem Schönheitssalon in Teheran berichtet, über die lebendige Party-Szene des Landes oder über blutige Proteste – wichtig sind Natalie Amiri neben den neuesten Zahlen und Fakten auch immer die Schicksale der Menschen. Und was den Iranern auf dem Herzen liegt, erfährt die gelernte Orientalistin ganz direkt: Als Kind einer deutsch-iranischen Familie in München geboren und aufgewachsen, spricht sie fließend Farsi und Arabisch.

Als Zahnärztin hätte mein Vater wahrscheinlich eine bessere Partie für seine Tochter abbekommen – so denken die Perser nämlich: je höher und besser das Studium, desto besser kann man die Tochter an einen guten Mann bringen. Jetzt bin ich alleinerziehende Mutter. Das sagt doch schon alles... hat also nicht geklappt. Nein, er ist schon ganz stolz, dass ich da jetzt eine Vermittlerrolle für die zwei Völker, für die zwei Länder spiele, in denen er auch zuhause ist seit fünfundfünfzig Jahren... und er ist deutscher als jeder Deutsche, er dreht mir jede Versicherung an, die es auf dem Markt gibt.

Natalie Amiri

Drehgenehmigung und doch bedroht

Partys, Straßen auf denen man sich Zettel zusteckt, Untergrundbands – das wird immer weniger, weiß Amiri. Nicht weil die Menschen mehr überzeugt sind von der Islamischen Republik – sondern weil sie das Land verlassen.

Natalie Amiri [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]
Natalie Amiri [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Bredehoeft]

Auch Amiri spürt bei ihrer Arbeit im Iran die Einschränkungen durch das Regime: Drehgenehmigungen durch das Ministerium sind Voraussetzung, der Geheimdienst ist aufmerksam, Beiträge werden im Nachhinein sorgsam beäugt. Mit offiziellen Zahlen, sagt Amiri, kann sie nicht arbeiten, denn wie diese zustande gekommen sind, sei nicht transparent.

Auf der Straße sind immer Menschen dabei, die zwar nicht zu unserem Team gehören, aber die auf uns aufpassen. Weil es einfach viele Geheimdienste gibt, vor allen Dingen durch den Geheimdienst der Revolutionsgarde, der seit den letzten Jahren an Macht zugewonnen hat, werden wir enorm kontrolliert. (...) So ganz genau wissen wir nicht, wie jeder Dreh ausgeht.

Als Sommergast hat Natalie Amiri außerdem verraten, wie lecker Hochzeitsreis schmeckt, warum es im Iran einfach so wahnsinnig wichtig ist, immer zu essen, wie dehnbar Pünktlichkeit ist und in welche Höflichkeitsfettnäpfchen man treten kann. In "Zwei nach Eins" können Sie den Ausflug in die Welt des Irans noch einmal hören.

Moderation: Katrin Krämer

Das Gespräch zum Anhören:
Iran: "Im Moment wackelt alles" – ARD-Korrespondentin Natalie Amiri [47:58 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 29. August 2018, 13:05 Uhr

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