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Gesprächszeit

Michel Abdollahi

Journalist und Moderator

25. März 2020, 18:05 Uhr

Als kleiner Junge kam der Journalist und Moderator Michel Abdollahi mit seiner Familie nach Deutschland. Das war 1986 als sein Heimatland, der Iran, schon seit Jahren Krieg gegen den Nachbarn Irak führte. Hamburg wurde zu Abdollahis neuer Heimat. Weil er sich schnell integrierte, wurde aus ihm schon bald ein "echter Hamburger Jung" und ein "Super-Vorzeigemigrant".

Michel Abdollahi [Quelle: Radio Bremen, Christian Erber]
Michel Abdollahi [Quelle: Radio Bremen, Christian Erber]

Das Gespräch zum Anhören:
"Es geht nicht nur um Herkunft und Glauben, sondern um Haltung." – Journalist und Autor Michel Abdollahi [37:34 Minuten]

Das er ein "Super-Vorzeigemigrant" sei, dachte Michel Abdollahi jedenfalls lange. Inzwischen kommen ihm immer mehr Zweifel, wie er in seinem neuen Buch schreibt. Es heißt: "Deutschland schafft mich – als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin". Abdollahi erzählt von seiner Erfahrung:

Mittlerweile ist es egal, wie fleißig ein Migrant ist und was er tut – es reicht nicht aus. So sehen das zumindest immer mehr Anhänger der "Neuen Rechten". Bei uns in Norddeutschland zum Glück noch nicht so viele, aber in den neuen Bundesländern sind immerhin fast ein Drittel der Bürger der Meinung: Das reicht jetzt mal mit den Abdollahis und Öztürks. Die sollen mal wieder schön in ihre Heimatländer zurückgehen.

Der Titel des Buches ist eine Replik auf Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab", in dem der SPD-Politiker Zuwanderung aus islamischen Ländern als große Gefahr für die deutsche Gesellschaft beschreibt. Zusammen mit der AfD habe Sarrazin auf diese Weise dazu beigetragen, dass hierzulande ein Klima des Hasses und der Gewalt gedeihen konnte, analysiert Abdollahi.

Anschläge wie in Hanau oder Halle kannten wir bisher nur aus Ländern wie den USA oder Großbritannien. Jetzt hat der Hass auch bei uns die höchstmögliche Stufe erreicht. Es geht beim Rechtsradikalismus keineswegs nur um Herkunft und Glauben, sondern um Haltung. Das heißt, dass jeder inzwischen Opfer werden kann. Walter Lübcke war kein Migrant und kein Muslim. Er war "Biodeutscher", der einfach nur Haltung gezeigt hat und deshalb sterben musste.
Buchcover: Deutschland schafft mich [Quelle: Hoffmann und Campe Verlag]
Michel Abdollahi: Deutschland schafft mich, Hoffmann und Campe Verlag, 2020 [Quelle: Hoffmann und Campe Verlag]

"Unterstützen Sie Menschen, die für Sie laut sind"

Den Hassbotschaften, die er und andere Bürger*innen mit Migrationshintergrund täglich bekommen, möchte sich Abdollahi mit seinem Buch entgegenstellen. Und seine weltoffenen Mitmenschen freundlich dazu auffordern, gegen Rassismus und Rechtsradikalismus einzuschreiten. Dazu gebe es viele Möglichkeiten:

Sie müssen nicht selbst laut sein, wenn Sie das nicht möchten oder können. Aber unterstützen Sie Menschen, die für Sie laut sind. Wählen Sie zum Beispiel eine Partei, die sich gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit stellt. Abonnieren Sie eine Zeitung, die Haltung zeigt! Gehen Sie in ein Theater, das sich für eine offene Gesellschaft engagiert! Und wenn Onkel Herbert bei der nächsten Familienfeier wieder ein paar Sprüche raushaut, die nicht o.k. sind – sagen Sie ihm das!  Sie brauchen den Familienfrieden deshalb nicht zu wahren!

Warum Aufgeben für ihn keine Option ist, warum er als kleiner Junge eine traumatisches Erlebnis mit einem Osterhasen hatte und warum ein "Hamburger Jung" ein Herz für den SV Werder Bremen hat – darüber spricht Michel Abdollahi unter anderem in der Gesprächszeit.

Moderation: Christian Erber

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. März 2020, 18:05 Uhr

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