Livestream

Bremen Zwei Sendungen Gesprächszeit

Gesprächszeit

Michail Schischkin

Schriftsteller

30. August 2019, 18:05 Uhr

Michail Schischkin ist einer der renommiertesten Schriftsteller Russlands und hat dort alle großen Literaturpreise abgeräumt. Er hat seine Heimat verlassen. Vor mehr als 20 Jahren emigrierte er der Liebe wegen in die deutschsprachige Schweiz. 2014 ist der Putin-Kritiker zuletzt nach Russland gereist.

Michail Schischkin [Quelle: Imago, Sven Simon]
Michail Schischkin [Quelle: Imago, Sven Simon]

Auch wenn er in der Schweiz lebt: In Michail Schischkins Romanen geht es immer um die russische Heimat.

Meine russischen Kollegen haben mich gefragt, worüber willst du in der Schweiz schreiben? Dass die Tram ausnahmsweise Verspätung hat?

"Eine Liebeserklärung an meine monströse Heimat"

Natürlich bewegen Michail Schischkin andere Themen. In seinem Roman "Venushaar" schöpft er aus eigenen Erfahrungen als Dolmetscher im Züricher Migrationsamt. Russische Einwanderungsschicksale werden bei ihm zu tiefgründiger Literatur. In seinem Roman "Die Eroberung von Ismail" beschreibt er 200 Jahre russische Geschichte.

Alle Romane, die ich geschrieben habe, sind eine Liebeserklärung an meine monströse Heimat.  Das Beste an Russland sind seine Literatur, Musik und Kunst.   

Zwei Wunschträume: die ganze Welt zu bereisen und Schriftsteller werden

Michail Schischkin ist nach seinem Großvater benannt, einem Bauern, der im Gulag starb, weil er gegen die Enteignung protestiert hatte. Erst unter Gorbatschow wurde er posthum rehabilitiert. Michail Schischkin wuchs in Moskau in der Zeit des Kalten Krieges auf. Über seinem Bett hing ein Bild vom U-Boot, in dem sein Vater im Zweiten Weltkrieg diente – für den kleinen Sohn war er ein großer Held. Seine Mutter war zugleich seine Schuldirektorin und verordnete ihm – zunächst gegen seinen Willen – Deutsch als erste Fremdsprache. Mit Büchern von Max Frisch lernte er die deutsche Sprache dann lieben.

Die fremde Sprache, das war eine Art, sich zu verteidigen. Ich hatte zwei Wunschträume: Die ganze Welt zu bereisen und Schriftsteller zu werden. Und ich habe gedacht, dass weder das eine noch das andere möglich sein würde.

"Ich will nicht dieses Regime repräsentieren"

Beide Träume haben sich mittlerweile erfüllt. Oft genießt Michail Schischkin die Schweizer Bergwelt, am liebsten hoch oben weitab der Zivilisation. Doch die aktuellen Entwicklungen in Russland holen ihn überall ein. Als vehementer Kritiker Putins mischt er sich engagiert ins Zeitgeschehen ein.

2013 habe ich einen offenen Brief geschrieben, warum ich nicht an einer offiziellen Schriftstellerdelegation teilnehmen kann. Und will. Denn ich will nicht dieses Regime repräsentieren. Es kam eine Walze über mich von Schriftstellerkollegen. Das hat sehr wehgetan.

2014 ist Michail Schischkin zuletzt nach Russland gereist. In seiner Literatur ist er allerdings immer dort.

Moderation: Christine Gorny

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 30. August 2019, 18:05 Uhr

Mehr Menschen, die in die Fremde gezogen sind:

Hans Königsmann ist Raumfahrt-Ingenieur in Amerika Abt Muho, Leiter eines Zen-Klosters in Japan Ursula Gudmunsson wanderte 1949 nach Island aus Frank Sieren ist Journalist in China
Gesprächszeit
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"