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Martin Bohne

Künftiger ARD-Korrespondent in Paris

7. Juni 2019, 18:05 Uhr

Er ist schon oft als Korrespondent "draußen" gewesen – in Brüssel, Zürich oder Mexiko City. Nun geht Martin Bohne als fester Berichterstatter für die ARD in die französische Hauptstadt Paris. Frankreich, sagt er, steht wie viele westeuropäische Gesellschaften am Scheideweg. Sein Blick auf das Savoir-Vivre? Realistisch und keinesfalls romantisch-verklärt.

Martin Bohne [Quelle: Radio Bremen, Christian Bordeaux]
Martin Bohne [Quelle: Radio Bremen, Christian Bordeaux]

2019 nach Frankreich zu gehen, findet Hörfunk-Journalist Martin Bohne unglaublich spannend. Die klassischen politischen Links-Rechts-Konstellationen lösen sich auf, Präsident Macron versucht die Kräfte der Vernunft in der politischen Mitte zu sammeln. Gleichzeitig profitieren die politischen Ränder ganz außen davon, dass viele Leute unzufrieden sind und Abstiegsängste haben.

Die größte Baustelle ist – glaube ich – die Diskrepanz, die Kluft, die sichtbar wurde in den Protesten der Gelbwesten, die Ende letzten Jahres wie Phönix aus der Asche plötzlich auftauchten und mittlerweise am Auslaufen sind. Die Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung, die ist da: die Wut auf die Verhältnisse, auf die Regierenden.

Das romantische, französische Dorf gibt es nicht mehr

Das Bild, das viele Deutsche vom Savoir-Vivre in Frankreich haben, stimme leider nicht mehr so richtig, findet Martin Bohne. Die tollen französischen Dörfer sterben zum Großteil aus: Die letzte Bäckerei schließt, das lokale Krankenhaus auch und der Bus fährt auch nicht mehr. Auch der Lebensstil mit ausgiebiger Mittagspause und dem abendlichen Drei-Gänge-Menü sei passé.

Auch da ist Fast Food im Kommen, Bier verdrängt mittlerweise den Weinkonsum, die Chinesen kaufen sich die Weingüter. Die Globalisierung, die ganzen internationalen Tendenzen, die kommen auch in Frankreich durch.
Blick über die Dächer von Paris auf den Eiffelturm [Quelle: Radio Bremen, Marcus Behrens]
Über den Dächern von Paris: Bald wird Martin Bohne regelmäßig für uns aus Frankreich berichten. [Quelle: Radio Bremen, Marcus Behrens]

Schreiben unterm Zentralkomitee

Frankreich hat schon immer eine zentrale Rolle in Martin Bohnes Leben gespielt. In den Siebziger und Achtziger Jahren studierte er Journalistik, Englisch, Spanisch und Französisch in Leipzig. Damals, abgeschottet in der DDR, hatte er es nicht für möglich gehalten, dass das Sprachenlernen sich noch einmal richtig auszahlen würde.

Beim DDR-Rundfunk war Martin Bohne in der französischen Redaktion bei Radio Berlin International beschäftigt, obwohl er kein Anhänger des Regimes war. "Man landete dort, wo man hingesteckt wurde", erinnert sich der Journalist. Was er geschrieben und erzählt hatte, wurde in Frankreich und Belgien ausgestrahlt. Wirklich frei konnte er damals nicht arbeiten.

Es gab die tägliche Zensur, aber auch die Schere im Kopf: Man wusste natürlich, was von einem erwartet wurde. Es war klar, dass die DDR im besten Licht dargestellt wurde. Kritik kam überhaupt nicht vor.

Sehr schnell nach der Wende entschied sich Bohne zum in der DDR sehr beliebten Jugendradiosender "DT 64" zu gehen.

Das war eine unwahrscheinliche Erfahrung: Von einem System, wo alles vorgegeben war, wo man jeden Tag von ganz oben, vom Zentralkomitee erfahren hat, worüber und mit welchen Worten wir berichten sollen, dann innerhalb weniger Wochen in die totale Freiheit.

Brüssel: Eine Stadt, nicht für Jedermann

EU Brüssel Flaggen Belgien [Quelle: Radio Bremen, Marcus Behrens]
Auch in Brüssel hat Bohne für einige Zeit gelebt. [Quelle: Radio Bremen, Marcus Behrens]

Zwischen 1999 und 2004 war Martin Bohne für den MDR mehrfach in Brüssel. Bei einem seiner Aufenthalte lernte Martin Bohne auch seine französische Frau kennen, seine Tochter wächst heute zweisprachig auf. Das Europaviertel wächst, ist seine Beobachtung, aber dennoch habe Brüssel seine Seele behalten. Bohne liebt das Flair der manchmal unorganisierten, internationalen Stadt.

Es ist eine Stadt, die spaltet die Gemüter. Es gibt viele, die sind begeistert von Brüssel – dazu zähle ich mich auch, ich bin ein Brüssel-Fan, ich habe da sehr gerne gelebt. Es gibt aber viele, die mit der Stadt einfach nicht warm werden. Die sie für zu chaotisch halten, teilweise zu unaufgeräumt, die es abschreckt, dass zwischen modernen Gebäuden ein verfallenes Haus mitten im Zentrum rumsteht. Das muss man mögen.

In der "Gesprächszeit" nimmt Martin Bohne uns mit durch die Stationen seines beruflichen Lebens, erzählt wie sich Belgien und Frankreich verändert haben und analysiert, warum das deutsch-französische Tandem Merkel-Macron die europäische Idee nicht weiterbringt.

Das Gespräch zum Anhören:
"Die Unzufriedenheit der Bevölkerung, die ist da!" – Martin Bohne [37:50 Minuten]

Moderation: Jörn Albrecht

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. Juni 2019, 18:05 Uhr

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