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Maria Braarvig

Wuchs in einer streng christlichen Gemeinschaft auf

7. Oktober 2019, 18:05 Uhr

Kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe, keine engen Freunde außerhalb der Gemeinde – jahrelang war das Maria Braarvigs Leben. Sie wuchs in einer christlichen Kommune in Norwegen auf und wurde dann mit Anfang 20 nach Dortmund entsandt, um eine neue Gemeinde in Deutschland zu gründen. Doch nach ein paar Jahren fragte sie sich: Warum kann ich nicht frei sein?

Maria Braarvig [Quelle: sechspaarschuhe.de, Thor Braarvig]
Maria Braarvig [Quelle: sechspaarschuhe.de, Thor Braarvig]

Das Gespräch zum Anhören:
"Mit 32 habe ich mich zum ersten Mal betrunken" – Maria Braarvig [38:24 Minuten]

Studieren, eine Lehre absolvieren oder einige Zeit im Ausland verbringen – Maria Braarvig schlug einen ganz anderen Weg ein. Direkt nach dem Abitur besuchte sie eine einjährige Bibelschule ihrer christlichen Gemeinde. Mit Anfang 20 ging sie nach Dortmund, um mit ihrem Mann Thor zu missionieren. Eine ungewöhnliche Entscheidung für eine junge Frau. Doch für Maria Braarvig war es Gottes Wille, von klein auf war sie gewöhnt, ihrem Gemeindeleiter zu vertrauen und seine Regeln zu befolgen.

Ich habe an all das geglaubt, ich bin damit aufgewachsen, für mich war das die Realität.

Jugendjahre ohne Sex, Alkohol und fremde Freunde

Maria Braarvig wurde 1983 in eine streng gläubige Familie geboren. Ihr gesamtes Leben spielte sich in der christlichen Gemeinde ab, die ihre Eltern mit aufgebaut hatten. Ein Leben außerhalb der Gemeinde war nicht denkbar, das spürte Maria Braarvig, als ihr jüngerer Bruder die Kommune verließ. Sie brach den Kontakt ab und forderte andere Jugendliche auf, dasselbe zu tun. 

Die Entscheidungen des Gemeindeleiters wurden nicht hinterfragt. Kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe, keine engen Freunde außerhalb der Gemeinde. Jahrelang war auch Maria Braarvig davon überzeugt. So war es auch selbstverständlich, dass sie als junge Frau nach Deutschland entsandt wurde, um in in einem Brennpunkt eine christliche Gemeinde zu gründen.

Zeit des Erwachens: Warum kann ich nicht frei sein?

Maria Braarvig und ihr Mann Thor Braarvig zogen im Mai 2004 nach Dortmund. Sie organisierten Gottesdienste und Jugendtreffs in einem Problemviertel. Ihr Engagement überzeugte Andere, nach und nach wuchs eine Gemeinde heran. 2005 kam ihre gemeinsame Tochter Lydia auf die Welt, es folgten drei weitere Kinder: Amy, Aaron und Filippa. Je größer die Gemeinde wurde, desto stärker wuchsen aber auch die Zweifel des jungen Paares. War es richtig, ihre eigene Lebensweise anderen aufzudrängen? Und warum konnten sie selbst nicht freier sein, frei entscheiden, was sie mit ihrem leben tun wollen?

Thor fing zuerst an, diese Sachen in Frage zu stellen und für mich war das erst einmal sehr erschreckend. Ich hatte einfach Angst davor, weil ich dachte: "Was, wenn ich auch angesteckt werde? Und wenn diese Fragen nie aufhören, dann habe ich vielleicht keinen Glauben mehr. Und dann glaube ich nicht mehr an Gott und komme in die Hölle." Das wurde mir alles beigebracht als Kind.

Die Antwort: Eine Reise mit vier Kindern

Eine einjährige Reise sollte die Antwort auf die offenen Fragen geben. Gemeinsam mit ihren vier Kindern reisten Maria und Thor Braarvig, jeder nur mit einem Rucksack ausgestattet, durch Thailand, Malaysia, Indonesien, Tasmanien, Neuseeland und Australien. Diese Reise war eine Art Vergangenheitsbewältigung für Maria und Thor Braarvig.

Mit 32 habe ich mich zum ersten Mal betrunken. (...) Ich wollte mich einfach einmal im Leben betrinken. Danach habe ich es noch einige Male gemacht. Es war ein langer Prozess für mich: Einzusehen "Ja, ich bin ich" und ich kann machen, was ich möchte.

Ihre Erlebnisse dokumentierten Thor und Maria Braarvig auf ihrem Blog "Sechs Paar Schuhe", im September 2019 erschien bei Diana das gleichnamige Buch, geschrieben aus Thor Braarvigs Sicht. In der Gesprächszeit spricht Maria Braarvig über ihren Ausstieg aus der christlichen Kommune, die Herausforderung, eine Reise mit vier kleinen Kindern zur organisieren und ihr neues Abenteuer mit ihrer sechsköpfigen Familie.

Moderation: Ziphora Robina

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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