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Margrit Sprecher

Schweizer Journalistin

16. September 2020, 18:05 Uhr

Sie hat in ihrer Laufbahn geschätzt über 700 Reportagen geschrieben und hört auch mit 84 Jahren nicht damit auf. So manchen mächtigen Mann hat sie portraitiert, aber auch aus allen anderen Themen holt die Journalistin neue Blickwinkel heraus. Margrit Sprecher gilt als die "Grande Dame der Schweizer Reportage" – auch wenn sie das selbst überhaupt nicht passend findet.

Margrit Sprecher [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
Wir haben Margrit Sprecher in ihrem Haus in der Schweiz besucht. [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Das Gespräch zum Anhören:
"Gefälligkeitsartikel – das ist das Allerschlimmste!" – Journalistin Margrit Sprecher [38:37 Minuten]

Margrit Sprecher wurden schon so einige Betitelungen zuteil: Als "Grande Dame der Schweizer Reportage", als "journalistische Wölfin im Schafspelz" oder auch als "bescheidene Königin des Journalismus". Richtig passen tut davon allerdings keine.

Bescheiden geht, aber Königin ist schon wieder so hochtrabend. Ich bin einfach die Margrit Sprecher – und Schluss.

Ausgezeichnete Journalistin

Dass sie allerdings durch und durch Journalistin ist, daran besteht kein Zweifel. Für ihre Reportagen hat sie zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis.

Und das ist vielleicht das größte Glück in meinem Leben: Dass ich schon mit sieben, acht Jahren wusste, ich will Journalistin werden.

1936 in Chur geboren, beschreibt Margrit Sprecher ihre Kindheit und Jugend als nicht unbedingt idyllisch. Dabei lief alles in geordneten Bahnen – der Vater Geschäftsmann, die Mutter Hausfrau. Aber sie empfand das Leben als zu bürgerlich und zu bieder, die Schule langweilte sie.

Nach einem kurzen Umweg über eine Dolmetscher-Ausbildung landete Margrit Sprecher dann auch tatsächlich im Journalismus. Sie schrieb 15 Jahre für die Schweizer Ausgabe der "Elle", darauf folgten 20 Jahre bei der "Weltwoche". Seit ihrer Pensionierung in 2003 schreibt Margrit Sprecher als freie Journalistin – und es ist kein Ende in Sicht.

Keine Gefälligkeitsartikel

Cover: Margrit Sprecher, Irrland, Dörlemann [Quelle: Dörlemann]
Margrit Sprechers jüngstes Buch "Irrland" erschien bei Dörlemann [Quelle: Dörlemann]

Die Spannbreite ihrer Themen ist groß und ihr Blickwinkel oft anders als erwartet. Für die Schweizer "Elle" nahm Margrit Sprecher zum Beispiel an einer Pressereise zum Eröffnungsflug von Swissair nach Johannesburg in Südafrika teil. Sie lobte in ihrem Text aber weniger den Eröffnungsflug, sondern beschrieb vor allem ihre Beobachtungen, die sie nebenher getätigt hatte – zum Beispiel zum Umgang des Swissair-Managers mit seinen Bediensteten. Nach Erscheinen des Artikels drohte die afrikanische Regierung damit, die Landerechte für Swissair wieder zu entziehen. Ihre Chefredakteurin und sie – erklärte Apartheid-Gegnerinnen – hat diese Reaktion gefreut.

Am einfachsten ist es, Lob- und Preiswerke zu schreiben. Und man hat nirgendwo Schwierigkeiten. Bei mir kommt dann das journalistische Gewissen. Ich denk dann, wem bin ich jetzt eigentlich Rechenschaft schuldig? Ich bin nur der Leserschaft schuldig zu erzählen, wie ich es erlebt habe. Also keine Gefälligkeitsartikel – das ist das Allerschlimmste.

Auch viele mächtige Männer hat Margrit Sprecher interviewt. So schaffte sie auch das fast Unmögliche, nämlich Theo Müller, den Eigentümer von "Müller Milch", für eine Reportage zu treffen – auch wenn er dann im Nachhinein keins seiner Zitate freigegeben hat.

"Irre" Reportagen

Ihr Buch "Irrland" ist am 20. Mai 2020 erschienen und beinhaltet eine Sammlung von 20 Reportagen, für die Margrit Sprecher über Jahre um die ganze Welt gereist ist. Es geht um "irre" Geschichten – von ernsthaft bis skurril. Margrit Sprecher erzählt darin von Todestrakten Amerikas, einem Gefängnis namens Gaza – und auch ihrem Treffen mit Theo Müller.

Buchtipp:
Margrit Sprecher : "Irrland. Reportagen" – von Margrit Sprecher

Moderation: Kristin Hunfeld

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. September 2020, 18:05 Uhr

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