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Klaus Theweleit

Kulturwissenschaftler

29. Januar 2020, 18:05 Uhr

1977 waren seine "Männerphantasien" ein Bestseller: Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit beschrieb damals erstmals die Gefühle und Gewaltphantasien der Vorbereiter des Nationalsozialismus in den Zwanziger Jahren. 42 Jahre später scheint seine Analyse aktuell wie nie – und darüber spricht Theweleit am 30. Januar im Haus der Wissenschaft in Bremen.

Schriftsteller Klaus Theweleit sitzt in seinem Arbeitszimmer. [Quelle: DPA, Patrick Seeger]
Schriftsteller Klaus Theweleit [Quelle: DPA, Patrick Seeger]

Das Gespräch zum Anhören:
"'Männerphantasien' hat leider an Aktualität nicht verloren"– Klaus Theweleit [38:02 Minuten]

Sein Buch "Männerphantasien" erschien 1977 und wurde ein dickes, 1.200 Seiten starkes Erfolgsbuch. Darin betonte Klaus Theweleit, dass männliche, faschistische Gewalt nicht nur das Ergebnis einer Ideologie ist, sondern immer auch eine Folge von Gefühlen: die Angst vor dem Fremden, die Angst vor Weiblichkeit. In den vergangenen 40 Jahren, so Theweleit, hat sich daran nichts geändert.

Überall auf der Welt, wenn man sich näher damit beschäftigt, findet man diese Sorte Männlichkeit, die Lust am Töten hat. Und es scheint, dass sie zu einer Befriedigung, also Spannungsausgleich im Körper, nur finden durch Gewaltausübung. Das hat leider an Aktualität überhaupt nicht verloren.

Immer noch aktuell: "Männerphantasien"

Zu Gast in Bremen: Männerphantasien – zur Aktualität des Problems "soldatischer" Männlichkeiten

Am 30. Januar ist Klaus Theweleit zu Gast im Olberst-Saal im Haus der Wissenschaft. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

Theweleits Beschreibung von männlichen Ängsten passt offenbar nicht nur auf den "soldatischen Mann" der Zwanziger, sondern auch auf die Attentäter von Utøya oder Christchurch. Außerdem zeigen der starke Rechtspopulismus in Europa, die Erfolge von AFD und Pegida in Deutschland und der Hass im Netz, dass sich diese Gefühlswelt auch in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet. Um die Diskussion wieder aufzunehmen, hat Theweleits Verlag "Matthes & Seitz" die "Männerphantasien" 2019 noch einmal neu aufgelegt – unverändert, nur ergänzt mit einem Nachwort des heute 77-jährigen Theweleit.

Kind eines prügelnden Hitler-Anhängers

Der 1942 in den Kriegsjahren in Ostpreußen geborene Klaus Theweleit wuchs nach der Flucht seiner Familie in den Westen in Schleswig-Holstein auf. Einquartiert war die Familie mit dem herrschsüchtigen, gewalttätigen Vater bei Bauern, und nur das Fußballspielen verhalf in der tristen Nachkriegskindheit zu ein bisschen Glück. Als er älter wurde, erfuhr Theweleit, was zur Zeit der Nationalsozialisten passiert war, und dass seine Eltern Hitler-Anhänger und Antisemiten waren. Weil er sah, wie seine älteren Geschwister Prügel bei schlechten Noten bezogen, lernte er Vermeidungsstrategien im Umgang mit seinem Vater, bis er als als Teenager das Reden mit ihm einfach einstellte.

Mit Geschwisterschutz bin ich da einigermaßen heil rausgekommen.

Verhasster SDS-Aktivist

In Kiel und Freiburg studierte Theweleit dann Anfang der 1960er Jahre Anglistik und Germanistik, mit Jobs im Bau und auf einer Kieler Werft hangelte er sich finanziell durch. Er wurde APO-Aktivist und Mitglied des linken Studentenverbands SDS – eine Tatsache, die ihm trotz seiner mit "summa cum laude" bewerteten Dissertation, die als "Männerphantasien" als Buch erschien, später eine ordentliche Universitätslaufbahn versperrte. In Freiburg warf man ihm Landfriedensbruch, Rektoratsbesetzung und Vorlesungsstörung vor, so dass er weder Beamter werden konnte noch einen Ruf als ordentlicher Professor erhielt.

Nachdem ich drei Jahre SDS-Politik an der Uni gemacht hatte und meine Verfassungsschutz-Akte so weit angewachsen war, dass ich nicht mehr Lehrer würde werden können, (...) habe ich drei Jahre als freier Journalist beim Südwestfunk gearbeitet.

Heute lebt Klaus Theweleit in Freiburg, ist als Autor und Dozent tätig, und in seinem Haus findet man nicht nur Regalmeter voller Bücher, sondern auch viele Instrumente eines Free Jazz-Musikers.

Moderation: Hendrik Plaß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 29. Januar 2020, 18:05 Uhr

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