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Kazim Erdogan

Psychologe und Gründer einer türkischen Väter-Selbsthilfegruppe

14. Januar 2020, 18:05 Uhr

Ob es um Gewalt in Beziehungen, Probleme mit pubertierenden Kindern oder die Stellung der Frau in der Gesellschaft geht – mit Kazim Erdogan kann man darüber reden. Vor allem Männer, die mit Sprachlosigkeit zu kämpfen haben. Vor einigen Jahren hat Erdogan eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Väter gegründet – und schon sechs Morde verhindern können.

Kazim Erdogan [Quelle: Imago, Zuma Press]
Kazim Erdogan [Quelle: Imago, Zuma Press]

Das Gespräch zum Anhören:
"Wir alle leiden unter Sprachlosigkeit" – Kazim Erdogan [38:43 Minuten]

Kazim Erdogan ist 66 Jahre alt und hat in Berlin-Neukölln als Hauptschullehrer, Schulpsychologe und lange Jahre im psychosozialen Dienst des Bezirksamts Neukölln gearbeitet. Während seiner Zeit an der Hauptschule fiel ihm auf, dass immer nur die Mütter zum Elterngespräch kamen und er fragte sich, wo denn eigentlich die sogenannten "anatolischen Paschas" sind. Später, bei seiner Arbeit im Jugendamt, rief er drei türkische Väter an, die er zum Tee in sein Büro einlud. Man sprach über Gott und die Welt und einer der Väter wünschte sich dann einen wöchentlichen Austausch. "Das war die Geburtsstunde der ersten türkischen Väter- und Männergruppe", erinnert sich Kazim Erdogan.

Am Anfang hat man die anderen nicht ausreden lassen, man war ungeduldig, man war empfindlich und mimosig. Aber wir haben jede Woche, jedes Mal neue Verhaltensmuster eingeführt, so dass heute die Teilnehmer sogar in der Lage sind, die Gruppen anzuleiten.

Ein Kampf gegen die Sprachlosigkeit...

Inzwischen kommen Männer aller Alterstufen und aus jeder Schicht: Facharbeiter, Studierte, junge Männer mit schwieriger Kindheit. Ihre Themen? Gewaltfreie Erziehung, Sexualität, die Stellung der Frau in der Gesellschaft – eigentlich alles, was das Leben der Männer bewegt. Wenn sie dann zusammensitzen, schreibt Kazim Erdogan nicht vor, was diese denken sollen. Er stellt Fragen.

Wir alle auf der Welt leiden unter Kommunikationslosigkeit und Sprachlosigkeit. Wenn wir das bekämpfen wollen, müssen wir miteinander reden.

...und für Gewaltfreiheit

Für Männer mit Zuwanderungsgeschichte gibt es immer noch kaum Angebote, wenn sie Probleme haben, so Erdogan. Entweder gehen sie in die Moschee und beten oder betrinken sich in Männer-Cafés, erzählt er. Doch Kazim Erdogan hat gemerkt: Wenn man Angebote wie seine Vätergruppe macht, wird davon Gebrauch gemacht. Wie wichtig diese Gesprächsarbeit ist, zeigen beeindruckende Geschichten: Schon sechs Mal konnte Erdogan einen Mord verhindern. Einer dieser Männer wollte zum Beispiel seine Ex-Frau und deren neuen Partner umbringen – und ist wieder umgekehrt.

Dieser Mann ist heute für ein gewaltfreies Leben und eine gewaltfreie Gesellschaft unterwegs.

Geboren und aufgewachsen ist Kazim Erdogan in einer liebevollen Familie einem anatolischen Dorf. Als Sechsjähriger schon wurde er auf ein Internat geschickt und machte als Erster der Dorfkinder Abitur. Von Mitschülern und seinem Onkel hörte er von Deutschland, das ihm aus der Ferne wie das gelobte Land erschien. Mit dem Bus ging es von Istanbul nach München, von dort aus nach West-Berlin, wo er sein Psychologie-Studium mit diversen Jobs in der Gastronomie und im Versandhandel finanzierte. Heute ist er als Psychologe hauptberuflich im Ruhestand, doch ehrenamtlich klingt das Telefon bei ihm weiterhin mehrmals am Tag und auch am Wochenende.

Warum er um das Wort "Integration" einen großen Bogen macht, was seiner Meinung nach das "teuflische Dreieck" ist und warum er auch eine Einladung zu einer Pegida-Demonstration annehmen würde – das erzählt Kazim Erdogan in der Gesprächszeit.

Moderation: Kristin Hunfeld

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Januar 2020, 18:05 Uhr

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