Livestream

Bremen Zwei Sendungen Gesprächszeit

Gesprächszeit

Kai Strittmatter

Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung

21. Mai 2019, 18:05 Uhr

Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich China zur führenden Wirtschaftsmacht entwickelt. Kai Strittmatter hat den Boom und seine Folgen hautnah miterlebt. Als "Frühlingsgast“ erzählte der langjährige China-Korrespondent der Süddeutschen von seinem Leben in Peking – und von seinen Sorgen über den globalen Machtanspruch der chinesischen Staatsführung. 

Kai Strittmatter [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]
Kai Strittmatter [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]

Über ein Jahrzehnt hat Kai Strittmatter in Peking gelebt und gilt als einer der besten China-Kenner Deutschlands. In seinen Reportagen und Sachbüchern hat er den Gestank des Pekinger Smogs genauso eloquent geschildert wie die köstlichen Aromen der vielseitigen regionalen Küche. In dieser Zeit haben sich China und seine Hauptstadt gewandelt. Peking, sagte ein Freund Strittmatters einmal, verschwinde jedes Jahr, um unter dem gleichen Namen wieder aufzutauchen.

"Die totale Kontrolle der Partei ist zurück" – China-Experte Kai Strittmatter [47:00 Minuten]

Altes verschwindet und Neues entsteht

Wie im chinesischen Fortschrittstaumel Altes verschwindet und Neues entsteht, hat der Korrespondent eindrucksvoll am Beispiel "seiner" Straße geschildert: Dort standen Restaurant- und Geschäftsbetreiber eines Tages vor den zugemauerten Gebäuden, weil die Stadtverwaltung die alteingesessenen  Geschäftsleute vertreiben und neue, "ordentlichere" Strukturen schaffen wollte. Gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele wurden 80 Prozent der Pekinger Altstadt abgerissen, erzählt Strittmatter. "Das war eine der größten Tragödien Pekings."

Wirtschaften ohne Rücksicht auf die Rechte des Einzelnen

Als Strittmatter 1997 das erste Mal als Journalist nach Peking kam, glaubten viele China-Kenner, Handel werde das Land öffnen und eine Demokratisierung befördern. Diese Hoffnungen teilt der 53-Jährige längst nicht mehr, er sieht die Kommunistische Partei und ihren Vorsitzenden Xi Jinping auf direktem Weg in einen vollständig autokratischen Staat. "Die Neuerfindung der Diktatur" heißt folgerichtig Strittmatters neues Sachbuch. Darin beschreibt er, wie Chinas Führung mithilfe von künstlicher Intelligenz und Big Data den perfekten Überwachungsstaat schaffe.

Es ist eine Abrechnung mit dem politischen System, der kommunistischen Partei, (...) die habe ich nie geliebt. Meine Liebe galt immer dem Volk und den Menschen.

30 Jahre seines Lebens widmete Strittmatter dem Land – immer war es für ihn einer der spannendsten Orte der Welt: die Jahre der Reformen und der Öffnung nach Mao, dann der Wandel zu einem der kapitalistischsten Länder der Welt. Und auch jetzt, in den letzten fünf bis sechs Jahren, sei Entscheidendes passiert: "Die totale Kontrolle der Partei ist zurück!", sagt Strittmatter. Das China, das von Öffnung und Reform gekennzeichnet war, sei tot:

Xi Jinping hat es geschafft, und ist dabei, ein völlig neues China zu schaffen, … einen Staat, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Und die Digitalisierung ist ein großer Teil davon.
Kai Strittmatter [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]
Kai Strittmatter und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]

Zensur und Propaganda

So gelang es zum Beispiel, die Erinnerung an das Massaker auf dem Tienanmen-Platz vor fast genau 30 Jahren – am 4. Juni 1989 – fast vollständig auszulöschen, trotz moderner Informationstechnologien. Die chinesische Regierung sorgte dafür, dass im chinesischen Pendant zu Wikipedia das Jahr 1989 vollständig gelöscht wurde.

Die kommunistische Partei Chinas habe keine Angst vor neuen Technologien, sie fürchte keine Unterwanderung. Schon vor Jahren habe sie herausgefunden, wie nützlich es sein kann, moderne Medien für eigene Zwecke zu nutzen.

Man muss als Diktator gar keine Angst haben vor diesen Medien. Sondern, wenn man die Zensur, die Propaganda geschickt einsetzt, wenn man die Gehirnwäsche anfangen lässt im Kindergarten, wenn man es dann noch mischt mit Wirtschaftswachstum und einem immer stärker werdenden Nationalismus – dann funktioniert das super!

Spannend und privilegiert leben in Peking

Schon früh hat das Riesenreich mit über einer Milliarde Einwohnern Kai Strittmatter fasziniert. Er begann Mitte der Achtziger Jahre ein Sinologie-Studium mit ersten Aufenthalten in China und Taiwan. Das sei wie ein Leben auf einem anderen Planeten gewesen, erzählt der Journalist. Kein einziges Telefonat nach Hause, ab und zu ein Brief – er bedaure, dass seine Kinder dergleichen nicht mehr erleben können.

Seine Straße, die Garküchen, der Friseur als Babysitter – Strittmatter hat immer gern in Peking gelebt. Seine Begeisterung für die chinesische Küche ist unüberhörbar groß:

Essen: Das ist nicht nur Nahrungsaufnahme – das katapultiert einen in eine andere Dimension!

Natürlich seien er und seine Famile priviligiert gewesen. Die totale Überwachung hätten sie "eingepreist" in ihr Leben. Die Behörden wissen alles über ihn, das sei sicher. Wirklich gefährdet seien aber die Gesprächspartner, die habe man schützen müssen.

Die Bremer Stadtmusikanten auf Chinesisch

Kai Strittmatter [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]
Die Kostprobe auf Chinesisch: Kai Strittmatter las die Bremer Stadtmusikanten auf Chinesisch vor. [Quelle: Radio Bremen, Eleni Christoffers]

Geboren und aufgewachsen ist der preisgekrönte Journalist im Allgäu, das seiner Meinung nach "immer schöner wird, je weiter man sich von ihm entfernt". Dort spielte er Tennis, unter anderem mit seinem Kumpel Karl-Heinz Riedle – der später auch in Bremen als erfolgreicher Fußballer bekannt wurde. Ein Gruß von seinem alten Freund, eingespielt ins Gespräch, sorgte dann doch für Gänsehaut und einen Moment des Innehaltens bei Frühlingsgast Kai Strittmatter. Denn Strittmatter hat sich in all den Jahren von seiner bayrischen Heimat entfernt, war neben der Zeit in China auch sieben Jahre als Korrespondent in  Istanbul tätig.

Seit diesem Jahr berichtet Strittmatter aus Kopenhagen als Skandinavien-Korrespondent für die "Süddeutsche Zeitung". Warum er Dänisch für schwer hält und warum Chinesisch die leichteste Sprache der Welt ist – auch das erzählte er bei den "Frühlingsgästen". Und trat den Beweis an: Er las "Die Bremer Stadtmusikanten" auf Chinesisch.

Das Gespräch zum Anhören:
"Die totale Kontrolle der Partei ist zurück" – China-Experte Kai Strittmatter [47:00 Minuten]

Moderation: Katrin Krämer

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. Mai 2019, 18:05 Uhr

Weitere Informationen:

Alle Frühlingsgäste 2019 Frank Sieren, Journalist in China Kai Strittmatter im Porträt
Gesprächszeit
Mehr zur Sendereihe "Gesprächszeit"