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John Goodyear

Kulturhistoriker mit doppelter Staatsbürgerschaft

27. Februar 2020, 21:05 Uhr

Mehr als 500 Tage hat der Brite und Wahl-Oldenburger John Goodyear auf seinen Einbürgerungsbescheid gewartet. Ausgerechnet am Brexit-Tag, dem 31. Januar 2020, traf das Dokument dann endlich ein. Seither darf der Kulturhistoriker, der auch in seiner Familie den Riss zwischen EU-Befürwortern und -Gegner spürt, zwei Staatsbürgerschaften tragen.

John Goodyear [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]
John Goodyear [Quelle: Radio Bremen, Kristin Hunfeld]

Das Gespräch zum Anhören:
"Studieren in England? Das wird schwieriger" – John Goodyear [38:24 Minuten]

Der lange andauernde Brexit-Streit war auch für John Goodyear eine Zeit mit allen Hochs und Tiefs. Seine Eltern haben für den Verbleib in der EU gestimmt, viele Familienangehörige aber für den Ausstieg. Bei Familienfeiern wurde der Riss deutlich, der durch die britische Gesellschaft geht.

Das wurde langsam zum Tabu-Thema. Und wenn es angesprochen wurde an einem Tisch oder im Wohnzimmer, dann kam man sehr, sehr schnell in Streitigkeiten hinein.

Studieren in England? Das wird schwieriger!

"Oldenburg ist Heimat geworden", sagt John Goodyear. An der Jade Hochschule in Oldenburg ist er Gastdozent, außerdem pendelt er seit einigen Jahren nach Birmingham, wo er ebenfalls an der Uni unterrichtet. Auf dem Campus trifft er auf ein pro-europäisch eingestelltes Umfeld, doch wie sein Arbeitsplatz nach 2020 – nach der Brexit-Übergangsphase – aussehen wird, weiß Goodyear heute noch nicht. Ob Studenten weiter wie im Austauschprogramm "Erasmus" sowohl diesseits als auch jenseits des Ärmelkanals studieren können? Darüber kann auch Goodyear nur spekulieren. Er persönlich verliere sehr viel, sagt er, und für junge Menschen werde es auf jeden Fall schwieriger.

Ich als Bürger Großbritanniens, Deutschlands und der Europäischen Union habe mein ganzes Leben lang die Freizügigkeit genossen. (...) Und das wird komplexer und schwieriger für Menschen aus der Europäischen Union, längerfristig in Großbritannien Fuß zu fassen, dort zu leben und zu arbeiten, eine Familie zu gründen. Das wird alles schwieriger werden.

Ohne Sprachtest keine Einbürgerung

Vor drei Jahren noch – nach dem Referendum – hat Goodyear gelassen abgewartet. Doch als dann erstmals ein konkreter Brexit-Termin festgelegt wurde, wurde es ernst für John Goodyear. Die Frage der zukünftigen Staatsbürgerschaft stand für den Wahl-Oldenburger an. Er entschied sich, einen Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft zu stellen, solange Großbritannien noch Mitglied der EU ist. Danach hätte er sich vermutlich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Im September 2018 stellte er den Antrag, doch ganz so schnell ging es nicht. Das Amt in Oldenburg verlangte einen Sprachnachweis von Goodyear – obwohl er seine Bachelor- und Masterarbeit bereits auf deutsch verfasst hatte.

Ich musste dann in Oldenburg an der Volkshochschule einen Sprachtest machen auf B1-Niveau (lacht).

Im Moment forscht John Goodyear ehrenamtlich zum alten Soldatenkino "Globe Theatre" Oldenburg. Dafür hat Goodyear Zeitzeugen gesucht, die sich an ihre Stationierung in Oldenburg erinnern und nach dem Zweiten Weltkrieg das Globe besucht haben. Aus all diesen Gesprächen und Forschungen wird auch ein Buch entstehen.

Moderation: Kristin Hunfeld

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 27. Februar 2020, 21:05 Uhr

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