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Gesprächszeit

Johann König

Blinder Galerist

27. Juni 2019, 18:05 Uhr

Mit gerade mal 21 Jahren hat Johann König 2002 seine erste Galerie in Berlin aufgemacht. Und das, obwohl er faktisch blind war. Als 11-Jähriger spielte er mit Munitionsresten, die Schachtel explodierte und König wurde an Augen und Händen schwer verletzt. Selbst Künstler zu sein blieb ihm verwehrt. Doch Künstler bei ihrem Schaffen zu begleiten, gibt ihm größte Genugtuung.

Johann König [Quelle: Radio Bremen, Anna Postels]
Johann König [Quelle: Radio Bremen, Anna Postels]

Das Gespräch zum Anhören:
"Künstler zu begleiten - das gibt mir Genugtuung" – Johann König, blinder Galerist [37:52 Minuten]

Johann König ist mit Kunst und Künstlern aufgewachsen. Sein Vater ist der Ausstellungsmacher Kasper König, und langjähriger Leiter vom Museum Ludwig in Köln. Sein Bruder Leo hat eine Galerie in New York, sein Onkel Walther ist der von der Buchhandlung Walther König, seine Mutter war Illustratorin. Berühmte Künstler gingen bei den Königs zu Hause ein und aus. Deutschlands teuerster Künstler, Gerhard Richter, war der Trauzeuge von Johann Königs Eltern. Mit dem japanischen Installationskünstler On Kawara – berühmt geworden für seine Datumsbilder – ist Familie König in den Urlaub gefahren. Und in Jeff Koons' Atelier war Johann König zusammen mit seinem Vater.

Das Interessante war, dass ich die Kunst zwangsläufig auch mitbekommen habe und da auch eher so ein gebrochenes Verhältnis zu hatte. Weil ich natürlich im Wettbewerb zur Kunst stand um die Aufmerksamkeit meiner Eltern. Also, die Urlaubsziele wurden danach ausgewählt, wir sind bei anderen Künstlern zu Gast gewesen und haben mit denen den Sommer verbracht. Und das war eben zum Teil ein bisschen nervig für uns Kinder, dass das immer so im Vordergrund stand.

Ein tragischer Unfall beendet die Kindheit

Als Johann König elf Jahre alt ist, werden seine Augen durch einen Unfall schwer verletzt. In seinen Händen explodiert Munition. Er ist faktisch blind, wird mehrfach an Augen und Händen operiert.

Es ist so gewesen, dass ich auch an den Händen stark verletzt war und meine Welt auch haptisch nicht erfahren konnte und es sehr lange gedauert hatte bis ich meine Hände wieder benutzen konnte. Ich konnte hören, war aber sonst stark eingeschränkt. Das ist ziemlich scheiße!

Später geht er auf die Blindenstudienanstalt nach Marburg. Im Kunstunterricht behandelt sein Lehrer die Kunst, mit der er aufgewachsen ist. Und er merkte, dass die Kunst einen großen Stellenwert für die Gesellschaft und für die Geschichte von uns allen hat. Der Kunstlehrer ist es auch, der Johann König einen neuen, anderen Zugang zur Kunst verschafft.

Das Interessante war, dass mein Kunstlehrer der Meinung war, dass Sehende genauso blind vor der Gegenwartskunst stehen wie Blinde.

Traum vom Arbeiten in der Kunstszene

Richtig Künstler werden wollte Johann König jedoch nie. Aber mit Kunst arbeiten. Durch seinen Vater hatte er Kontakt zu Künstlern und Kunststudenten.

Ich habe gemerkt, ich will unbedingt in diesem Bereich arbeiten und hab nach Möglichkeiten gesucht, was könnte das sein. Also Galerie war überhaupt nicht das explizite Ziel. Sondern ich wollte mit Kunst arbeiten. Und wenn ich schon selber kein Künstler sein konnte, wollte ich Künstlern dabei helfen, ihre Sachen zu machen oder Kunst ausstellen.

"Mich interessiert Kunst, die ganzheitlich erlebbar ist."

Weil er nicht sehen konnte, kam eine Arbeit als Assistent nicht in Frage. 2002, mit 21 Jahren und noch vor seinem Abitur, eröffnet Johann König in Berlin aber seine erste Galerie. Jeppe Hein, der für König sehr wichtig war und ist, sagte: "Vertritt mich, ich bin dein erster Künstler."

Und dann habe ich heimlich, weil ich nicht wollte, dass meine Eltern das mitbekommen, angefangen, an der Galerie zu planen.

Die Eröffnung ist ein Desaster. Aber auch hier beißt sich Johann König durch. Sein erster Erfolg wird eine Ausstellung von Jeppe Hein. Eine Art Abrissbirne zerstört dabei die Galerie. Johann König konzentriert sich ab da auf die Kunst, die ihn wirklich begeistert – Ratschläge von anderen hin oder her.

Mich interessiert Kunst, die den Betrachter teilhaben lässt, Kunst, die ganzheitlich erlebbar ist.

Mittlerweile kann Johann König durch eine Operation, bei der ein neues Verfahren angewendet wurde, wieder zu etwa 30 Prozent sehen. Heute residiert seine König Galerie in einer ehemaligen Kirche St. Agnes in Berlin, einem brutalistischen Beton-Bau. Gepachtet hat er die Kirche für 99 Jahre, er wohnt mit einer Familie nebenan.

Mit 37 Jahren hat Johann König nun seine Biografie veröffentlicht.  In seinem Buch "Blinder Galerist" beschreibt er, wie es ihm gelang, neuen Lebensmut zu finden und die Welt und die Kunst neu wahrzunehmen.

Moderation: Anna Postels

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. Juni 2019, 18:05 Uhr

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