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Joanna Simm

Hebamme

4. Juni 2020, 18:05 Uhr

Joanna Simm gehört zu den Menschen in medizinischen Berufen, sich nicht nur um das Körperwohl sondern auch um die Seele ihrer Schützlinge kümmern. Sie hat 34 Jahre als Hebamme gearbeitet und weiß, was für ein Glück es sein kann, ein Neugeborenes in den Händen zu halten. Doch ihr Beruf ist auch verantwortungsvoll, herausfordernd – und kämpft für mehr Anerkennung.

Joanna Simm [Quelle: Radio Bremen, Kerstin Burlage]
Joanna Simm [Quelle: Radio Bremen, Kerstin Burlage]

Das Gespräch zum Anhören:
"Wir sind den Frauen so nah" - Hebamme Joanna Simm [37:00 Minuten]

Rund 1.400 Geburten hat Joanna Simm begleitet. Jeden Tag in den Kreißsaal zur Arbeit zu gehen, dazu brauchte es natürlich auch eine gewisse Routine, sagt sie. Aber ein Neugeborenes in den Händen zu halten, das ist für sie immer auf’s Neue auch ein Wunder gewesen.

Wenn ich diesem Wesen in seine Augen geblickt habe. Wenn dieses Wesen eventuell meinen Finger umfasst hat. Spätestens zu dem Zeitpunkt war ich höchst berührt, war ich fasziniert und habe ich mit größter Demut vor diesen Kindern gestanden.

"Wir sind den Frauen so nah"

Dass Joanna Simm ihren Beruf geliebt hat, das wird beim Zuhören schnell klar. Dabei ist sie auf Umwegen Hebamme geworden, denn zunächst hat sie eine Ausbildung als Bankkauffrau gemacht. Aber schon nach wenigen Berufsjahren war ihr klar, dass diese Arbeit sie auf Dauer nicht glücklich macht. Als dann Anfang der Achtziger Jahre die Aussteigerwelle kam und viele sich noch einmal umorientierten, entschied auch sie sich neu und machte eine Ausbildung zur Hebamme.

Was sie dabei erwarten würde, wusste sie: Ihre Oma hatte als Hebamme auf dem Land gearbeitet – und bis zu ihrem zehnten Lebensjahr durfte Joanna Simm sie oft begleiten, wenn sie mit dem Fahrrad die Schwangeren und jungen Familien besuchte.

Ich glaube, ich war ein Kind, das gerne hingeschaut hat. Und ich habe, glaube ich, ganz viel von ihr mitgenommen, was das Aufmerksam-Sein Menschen gegenüber anbetrifft. Innerhalb von Sekunden – oder manchmal ja hundertstel Sekunden – zu erkennen: "Wie geht es jemandem, wie reagiert jemand?“

Selbstvertrauen der Frauen stärken

Dass die gebärenden Frauen im Mittelpunkt stehen und sich während der Geburt möglichst sicher und geborgen fühlen können – dafür hat sich Joanna Simm ihr ganzes Berufsleben lang eingesetzt. Für sie hieß das vor allem: das Selbstvertrauen der Schwangeren stärken und damit den natürlichen Geburtsvorgang unterstützen. Denn eine Geburt sei nicht nur als ein risikohaftes Geschehen anzusehen, das möglichst viel medizinischer Betreuung bedarf. Das ist für Simm auch heute noch ein Ideal:

Ein kleiner Traum wäre ein Ort auf dem Gelände eines Krankenhauses zu schaffen – ein Geburtshaus, das entsprechend gestaltet ist, mit der schnellen Anbindung. So könnte ich mir heute Gebären vorstellen.

Die Hebammen kämpfen seit vielen Jahren

Joanna Simm hat ihre Arbeit als Hebamme immer auch politisch gesehen: Als Landesvorsitzende des Bremer Hebammen-Verbandes aber auch als Betriebsrätin und Frauenbeauftragte im Klinikum Bremen Nord hat sie sich dafür stark gemacht, dass ihr Beruf mehr Anerkennung bekommt:

Der Berufsstand der Hebamme kämpft seitdem es ihn gibt, habe ich den Eindruck – zumindest seit dem Mittelalter, als es dann langsam aber sicher anfing, dass die Ärzteschaft in die Geburtshilfe einzog.

Der Kampf um Anerkennung und bessere Bezahlung dauert an, erklärt Joanna Simm. Und wünscht sich für die Zukunft, dass alles, was sich um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Familie dreht, zum Beispiel durch gezielten Schulunterricht, mehr gesellschaftliche Beachtung findet – im Sinne der Schwangeren und der Hebamme, die sich professionell um sie kümmern.

Moderation: Kerstin Burlage

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. Juni 2020, 18:05 Uhr

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