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Gesprächszeit

Jan Kalbitzer

Psychotherapeut

25. Mai 2020, 18:05 Uhr

Die einen verlieren den Job, andere sind mit ihrer Depression jetzt gerade ziemlich alleine und wieder andere rotieren zuhause zwischen Homeschooling und der nächsten Telefonkonferenz. Als Stressmediziner weiß Jan Kalbitzer, dass die Corona-Krise bei vielen große Unsicherheiten und Ängste freisetzt. Aber er hat sich auch Gedanken gemacht: über die Krise als Neustart.

Dr. Jan Kalbitzer [Quelle: Marlena Waldthausen]
Dr. Jan Kalbitzer [Quelle: Marlena Waldthausen]

Das Gespräch zum Anhören:
" Es wird nie wieder diese Normalität geben, die es vorher gab" - Psychotherapeut Jan Kalbitzer [34:41 Minuten]

Menschen sind Gewohnheitstiere – und allzu gerne ändern wir unsere Gewohnheiten nicht. Doch die Corona-Einschränkungen zwingen uns gerade dazu, alles zu überdenken: Nähe, unser Bedürfnis nach Sicherheit, aber auch unseren Alltagstrott.

Und darin besteht eine ganz große Chance: Weil wir jetzt neue Gewohnheiten ausbilden können. Und ich glaube, das zu begreifen, ist wichtig. Es wird nie wieder diese Normalität geben, die es vorher gab. Das ist vorbei. Das ist für immer vorbei! Es gibt überhaupt keine Chance. Diese Hoffnung, in einem Jahr kommt der Impfstoff und dann ist wieder alles normal – das völliger Unsinn, das ist eine absolute Illusion. Und das ist gut so!

"Fakten sind neutral, Fakten bewerten gar nichts!

Denn: Wir können neue Gewohnheiten entwickeln. Möglicherweise lässt sich jetzt im Homeoffice das kleine Rücken-Workout einbauen oder wir steigen endlich vom Kantinenessen auf den frischen Salat um, den wir uns morgens selbst einpacken. Und er hat Patienten, erzählt Jan Kalbitzer, die sich jetzt richtig gut fühlen. Die sich frei fühlen von sozialen Verpflichtungen und ihren eigenen Rhythmus leben können. Ihnen kommt die Krise entgegen.

Silhouette einer Frau, um die verschiedene Symbole als Stressfaktoren kreisen [Quelle: Radio Bremen, Montage]
Viele sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die Gesellschaft. [Quelle: Radio Bremen, Montage]

Doch andere Patienten von Kalbitzer stehen vor den Scherben ihrer beruflichen Existenz oder leben in einer schwierigen Partnerschaft. Ihnen fehlt der Austausch und die Nähe zu anderen Menschen. Aber ihm fällt auch auf: Viele, die zu ihm kommen machen sich weniger um ihr eigenes Dasein Sorgen, sondern eher um das große Ganze: Was macht diese große Krise mit uns als Gesellschaft, und auch mit der Weltgesellschaft?

Wir diskutieren im Moment viel über Fakten. Aber Fakten sind neutral, Fakten bewerten gar nichts. Wir laden Fakten auf. (...) Wir bewerten diese Daten und wir schätzen sie ein. Und ganz wichtig für diese Bewertungen und auch unser Verständnis von Daten, ist die Geschichte, die wir uns erzählen. Die Geschichte, die wir uns von unserer Gesellschaft erzählen, die Geschichte, die wir uns von dieser Bedrohung erzählen.

Bücher von Jan Kalbitzer

"Das Geschenk der Sterblichkeit – Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann" heißt sein Buch über seine Angst. Nach „Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“, erscheint nun sein drittes Buch über die sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie: „Krise als Neustart“ ist ab dem 29. Mai als E-Book zu kaufen.

"Ich hatte richtig Angst, zu sterben"

Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und hat sich auf Stressmedizin spezialisiert. Heute leitet er die Stressambulanz der Oberbergkliniken in Berlin. Auch bei ihm gab es vor einigen Jahren einen Tag, an dem sein Leben aus dem Tritt geriet. Eigentlich lief alles bestens: er war erfolgreicher Arzt, hatte gerade eine Familie gegründet und einen Buchvertrag in der Tasche. In einem Hotelzimmer überkam ihn dann plötzlich die Angst vor dem Tod. Kalbitzers Puls raste, das Gefühl wurde übermächtig.

Und dann habe ich angefangen über den Tod nachzudenken. Und das war eigentlich noch nicht so schlimm. Aber dann fand ich das interessant, was da zu mir kam. Was war das eigentlich? Ich dachte, ich geh dem mal nach und schreib darüber. Und mit dem Nachgehen kam immer mehr Angst und irgendwann wurde das sehr viel und ich hatte richtig Angst, zu sterben.

Knapp zwei Jahre spürte Kalbitzer seine Angst, holte sich Hilfe bei Kollegen – und fand schließlich heraus, was er eigentlich im Leben möchte. Und gelernt hat er auch:

Das Leben funktioniert nur, wenn man auch akzeptiert, dass man an manchen Stellen die Kontrolle aufgeben und Hilfe annehmen muss. Das gilt nicht nur für Krankheiten, das gilt in jedem Alltag. Man kann das Leben nicht kontrollieren. Vieles ist Schicksal – und vieles braucht die Gemeinschaft.

Moderation: Britta Lumma

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. Mai 2020, 18:05 Uhr

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