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Irena Brežná

Schriftstellerin

30. Oktober 2019, 18:05 Uhr

"Denke, was du willst, aber sage es nicht" – so lautete der Rat ihrer Mutter in der Tschechoslowakei. Doch Irena Brežná tat genau das Gegenteil und wurde Schriftstellerin. Bis dahin sollte es allerdings ein weiter Weg sein: Die deutsche Sprache half ihr dabei, die Tabus der Vergangenheit aufzubrechen.

Irena Brezna [Quelle: privat]
Irena Brezna [Quelle: privat]

Das Gespräch zum Anhören:
"Die Muttersprache hemmt mich" – Irena Brežná [38:19 Minuten]

Irena Brežná ist geboren und aufgewachsen in der Slowakei, die damals noch Teil der Tschechoslowakei war. Der Vater durfte als "bürgerliches Element" im sozialistischen Land nicht länger Anwalt sein, sondern wurde Hilfsarbeiter. Die Mutter verschwand nach einem Fluchtversuch ein Jahr lang im Gefängnis. Damals war Irena Brežná neun Jahre alt. Niemand erklärte ihr das Verschwinden der Mutter. Jahrzehnte später besuchte Irena Brežná dann selbst das Lager:

Meine Mutter war so eine schöne Frau, die Hüte trug und Pelzmäntel und Stöckelschuhe und rauchte, was sehr modern war. Und diese Vorstellung, dass sie da auf dem Acker arbeiten musste, mit Diebinnen und Prostituierten, die damals auch eingesperrt wurden, da habe ich verstanden, dass sie nie mehr darüber reden wollte.

Die deutsche Sprache bricht Tabus der Vergangenheit auf

1968 flüchtete Irena Brežná mit ihren Eltern in die Schweiz und seitdem lebt sie in Basel. Allerdings konnte sie zunächst kein Wort Deutsch. Heute empfindet die Schweizer Literaturpreisträgerin es sogar als Vorteil, auf Deutsch zu schreiben:

Die neue Sprache eröffnet mir neue Räume, gibt mir auch Distanz. Ich kann über sehr persönliche, gefühlvolle Dinge gerade auf Deutsch viel besser schreiben. Auf Slowakisch würde vielleicht immer noch dieser Satz meiner Mutter in mir nachhallen, dass es sich nicht gehört. Die Muttersprache hemmt mich viel mehr, da sind viele Tabus.

Nur Leistung wird geliebt

Die Emigration ihrer Familie ist oft Thema in ihren Büchern, ebenso die Ankunft in der Schweiz. Auch nach 51 Jahren kann Irena Brežná noch Mentalitätsunterschiede aufspüren. Besonders angenehme Schweizer Begegnungen macht sie bei ihren Lesungen.

Das ist meine Integration. Ich schenke etwas. Und ich bekomme auch sehr viel Liebe. Und diese Schweiz, die mir immer so kalt erschien und so zurückhaltend, die öffnet sich an diesen Veranstaltungen. Weil ich mit einer Leistung komme. Es ist ein Land für Erwachsene. Man muss eine Leistung vorweisen. Erst dann wird man geliebt und gelobt.
Buchcover: Die undankbare Fremde [Quelle: Galiani Verlag Berlin]
Irena Brežná: Die undankbare Fremde, Verlag Galiani Berlin, 16,99 Euro [Quelle: Galiani Verlag Berlin]

Panikattacken durch die Kriegserfahrung

Als Autorin sammelt sie aber nicht nur Geschichten aus der mehr oder weniger beschaulichen Schweiz, sondern sie begibt sich auch in Gefahr, schreibt über Paten der russischen Mafia oder über Frauen im Tschetschenienkrieg. Die Reportagen aus dem Tschetschenienkrieg wurden preisgekrönt, doch sie selbst litt noch lange unter den Kriegsbildern.

Ich bekam dann auch Panikattacken. Und der Psychiater, bei dem ich gelandet bin, der sagte: 'Sie müssen Ihre Kindheit aufarbeiten und Sie haben Beziehungsprobleme'. Und ich habe gesagt: 'Aber ich war doch im Krieg!' Aber das hat den nicht interessiert. Also bin ich zu einer Atemtherapeutin gegangen. Und die hat konkret gesagt, wie ich atmen soll. Meine Kindheit habe ich aufgearbeitet, indem ich diesen Roman geschrieben habe über eine sozialistische Kindheit. Und mit Humor! Mir hat der Humor geholfen.

"Ja, die Tschechoslowakei wird frei!"

Viele Jahre engagierte sie sich bei Amnesty International und durch Texte und Taten will Irena Brežná Zustände verändern. Mit Leichtigkeit und Humor schreibt Irena Brežná inzwischen auch über ihre persönliche Vergangenheit. Sie hat Frieden geschlossen mit den Härten von gestern. Die "Samtene Revolution" von 1989 hat dabei eine versöhnliche Rolle gespielt.

Das war etwas, was wir nicht erwartet haben. Der erschien ja so stabil dieser Ostblock und auf einmal bröckelte das ab. Wir haben uns dann zusammengetan und Faxgeräte gekauft für die 'Samtene Revolution' und die habe ich im Dezember 1989 nach Prag und Bratislava gebracht, damit die Aktionen besser koordiniert werden konnten. Und dann am Abend diese Demonstrationen und das Gefühl: Ja, zusammen getan die Tschechoslowakei wird frei.

Moderation: Christine Gorny

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 28. Oktober 2019, 18:05 Uhr

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