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Ines Geipel

Professorin und Autorin

18. November 2019, 18:05 Uhr

In ihrem neuen Buch "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass" befasst sich Ines Geipel mit der Radikalisierung im Osten der Bundesrepublik. Sie selbst flüchtete im August 1989 über Ungarn in den Westen. Ihr sieben Jahre jüngerer Bruder Robby konnte die Flucht nicht verstehen. Jahrelang gab es nur wenig Kontakt.

Ines Geipel sitzt in einer Talkshow [Quelle: DPA, Eventpress Stauffenberg]
Ines Geipel [Quelle: DPA, Eventpress Stauffenberg]

Das Gespräch zum Anhören:
"Eine Spannung zwischen Ekel und eigener Verlorenheit" – Autorin Ines Geipel [38:35 Minuten]

Im Jahr 2000 trat sie als Nebenklägerin im Prozess gegen das Zwangsdoping in der DDR auf und war später die Vorsitzende der Doping-Opferhilfe. Heute lehrt Ines Geipel an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Verssprache. In ihren Büchern befasst sich die gebürtige Dresdnerin mit der Geschichte des Osten, mit Nachwendethemen, mit Doping und psychischen Erkrankungen.

Der Blick in die Vergangenheit

Die Familiengeschichte der ehemaligen Leichtathletin ist kompliziert. Ihr Vater war bei der Staatssicherheit, er spionierte als Agent Flüchtlinge im Westen aus. Jahre später hat Ines Geipel die Stasi-Akte ihres Vaters gelesen. Doch sie bezweifelt, dass sie diese auch wirklich verstanden hat.

Sich einen Vater vorzustellen, der acht verschiedene Identitäten hatte, das schaffe ich praktisch nicht. Diese Akte – das war eine Mischung aus "Will ich das alles wissen?" und "Wie soll ich mir das vorstellen?". Ich kann und ich will es mir nicht vorstellen. Da ist so eine merkwürdige Spannung zwischen Ekel und eigener Verlorenheit.

Unbequeme Wahrheit

Ines Geipel arbeitet in ihrem aktuellen Buch nicht nur ihre eigene Geschichte auf, sie sucht auch nach Antworten auf die Frage, warum Menschen im Osten sich radikalisieren. Verdrängung und Verleugnung der NS-Zeit prägen nicht nur die Gesellschaft, auch Geipels Familie ist betroffen.

Lesung:

Am Donnerstag, 21. November, liest Ines Geipel aus ihrem Buch "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass" um 18 Uhr im Bürgerhaus "Weserterassen" in Bremen.

Geipels Großvater war seit 1933 NSDAP-Mitglied, er machte Karriere. 1941 ging er mit seiner Familie ins besetzte Lettland. Ihre Mutter bezeichnete dies als ihre glücklichste Zeit. Darüber zu sprechen fällt Ines Geipel nicht leicht, sagt sie in der Gesprächszeit, für die Aufarbeitung der Geschichte sei es aber wichtig. Die DDR habe einen großen Fehler gemacht: Über die Zeit des Nationalsozialismus wurde ein Mantel des Schweigens gelegt. Die SED habe eine politische Krypta gebaut und dort alles hineingestopft und verschlossen.

In so einer Einschlussgesellschaft wie der DDR,  wo sollte da der Nazi hin? Und dieser integrierte Nazi war nie weg.

Moderation: Kristin Hunfeld

Weitere Informationen:
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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. November 2019, 18:05 Uhr

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