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Gesprächszeit

Harald Welzer

Sozialpsychologe und Vorsitzender der Stiftung "Futurzwei"

16. November 2018, 18:05 Uhr

Vor wenigen Jahrzehnten war Zukunft noch ein Versprechen, eine Verheißung mit technischen Möglichkeiten, Wohlstand und politischer Stabilität. Doch dieses Szenario hat mit Finanzkrise, Klimawandel und zunehmenden Konflikten Risse bekommen. Uns fehlen Visionen und Utopien, sagt Sozialpsychologe Harald Welzer. Eine offene ist für ihn auch eine gerechtere Gesellschaft.

Harald Welzer [Quelle: Radio Bremen, Peter Meier-Hüsing]
Harald Welzer [Quelle: Radio Bremen, Peter Meier-Hüsing]

Bei den düsteren Zukunftsaussichten geraten die zentralen Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit wie Freiheit und relative Gleichheit der Menschen ein bisschen in Vergessenheit. Diese Errungenschaften müssten auf der Basis einer unzerstörten Natur weiter ausgebaut werden, sagt Welzer. Doch dieses Zukunftsprojekt sei nirgends zu entdecken. So visionslos wie gegenwärtig sei die Politik in der Geschichte der Moderne noch nie gewesen.

Diese Politik der Gegenwart in der Bundesrepublik – aber auch in vergleichbaren Gesellschaften –, die keine Zukunft mehr im Programm hat, sondern sich im Wesentlichen um das Festhalten und das Restaurieren von Gegenwart zentriert: Das ist eine Katastrophe! Denn eine moderne Gesellschaft entwirft sich immer ins Zukünftige hinein, und sie muss das auch tun, um ihre jungen Gesellschaftsmitglieder bei der Stange zu halten.

"Die Welt retten?" – Na bitteschön.

Der Name von Welzers Stiftung "Futurzwei" ist ganz bewusst gewählt. Er bezieht sich auf das Vermögen, sich in die Zukunft hineindenken zu können. Das Ziel, das die Stiftung verfolgt, heißt: "Die Zukunft enkeltauglicher zu machen". Dazu gehört für den Sozialpsychologen die Lösung der ökologischen Ressourcenfrage und die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftens. Doch "Weltuntergangs-Bla-Bla" ist seine Sache nicht – das geht Welzer "total auf den Senkel".

Die Welt retten? – Na bitteschön. Es würde reichen, wenn man die eigene Verantwortung realisiert und vielleicht die eigene Lust am Leben wiederentdeckt.

Deswegen zieht Harald Welzer es vor, Geschichten des Gelingens erzählen.

Menschen haben nicht alle die gleichen Handlungsmöglichkeiten, aber alle Menschen haben Handlungsmöglichkeiten.

Mehr Gerechtigkeit – ein Kampf für Minderheiten

ARD Themenwoche Gerechtigkeit [Quelle: ARD]
"Gerechtigkeit" ist das Thema der ARD Themenwoche 2018 [Quelle: ARD]

Schon immer hat sich Harald Welzer wissenschaftlich mit "Potenzialen" auseinander gesetzt. Bekannt geworden ist der Sozialpsychologe mit Forschungen darüber, wie und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen scheinbar normale Menschen im Zweiten Weltkrieg zu Mördern wurden. Inzwischen hat er sich den Themen Gemeinwohlökonomie und Postwachstumsgesellschaften zugewendet und die Frage umgedreht: Unter welchen Bedingungen werden die menschlichen Potenziale zum Guten ausgeschöpft?

Soziale Veränderungen in der Gesellschaft – hin zu mehr Gerechtigkeit – fangen auf jeden Fall immer bei Minderheiten an, ist Welzer überzeugt. Ob Frauenrechte, Bürgerrechte oder Arbeiterrechte – alles fing mit kleinen Bewegungen an. Diese werden dann stark, wenn Angehörige von Gruppen, die nicht selber betroffen sind, das Anliegen dieser Bewegungen übernehmen, so der Soziologe.

Offene Gesellschaft in Gefahr

Mit der Initiative "Die offene Gesellschaft" setzt sich der Wissenschaftler und Stiftungsdirektor für Freiheit und eine starke Zivilgesellschaft ein. Entstanden ist sie, als 2015 eine große Zahl an Flüchtlingen nach Deutschland kam.

Ich hab das, was damals passiert ist, wirklich als Sternstunde der Demokratie empfunden. Weil ich gedacht habe: "Wow, dies ist ein Land, das war mal 'The Empire of Evil' vor drei Generationen". Das schlimmste Land, was es auf der Erde gegeben hat. Und innerhalb von zwei, drei Generationen reagiert die Mehrheitsbevölkerung auf einen Stressfaktor, der zweifellos plötzlich entstanden ist, so, dass sie sagen "Oh, da sind wir jetzt gefragt, da müssen wir jetzt Verantwortung übernehmen."

Wie die Probleme nach Ankunft der vielen tausend Flüchtlinge bewältigt wurden, sei eine beispiellose gesellschaftliche Leistung gewesen, meint Welzer. Weil dies im Nachhinein  von Politik und Medien ganz anders bewertet wurde, entstand bei Welzer und seinen Mitstreitern der Impuls, mit der Initiatve "Die offene Gesellschaft" für demokratische Werte eintreten zu wollen. Denn für ihn gilt:

Eine offenere Gesellschaft ist eine gerechtere Gesellschaft.

Über Kaufen, das uns glücklich machen soll, Kühlschränke, die eigentlich in eine Jugendherberge passen, und Potenziale, die in uns schlummern, spricht Harald Welzer im Rahmen der ARD Themenwoche "Gerechtigkeit" in der "Gesprächszeit" auf Bremen Zwei.

Moderation: Peter Meier-Hüsing

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. November 2018, 18:05 Uhr

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