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Hans-Joachim Willenbrink

Anästhesist und Palliativ-Mediziner

6. März 2020, 18:05 Uhr

Tiere werden eingeschläfert, damit sie nicht weiter leiden. Und Menschen? Die im Sonderfall bitte auch, sagt der Bremer Schmerztherapeut Hans-Joachim Willenbrink. Er ist einer der wenigen Humanmediziner in Deutschland, die Sterbehilfe befürworten. Gleichzeitig hält er nichts von einer breiten Liberalisierung, wie sie das Bundesverfassungsgericht jüngst ermöglicht hat. 

Hans-Joachim Willenbrink  [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]
Hans-Joachim Willenbrink [Quelle: Radio Bremen, Mario Neumann]

Das Gespräch zum Anhören:
"Für bestimme Patientengruppen haben wir keine Antworten" – Palliativmediziner Hans-Joachim Willenbrink [34:52 Minuten]

Seit dem Grundsatz-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 können Ärzte nicht mehr belangt werden, wenn sie mit schwerstkranken Menschen über das Wann und Wie eines herbeigeführten Lebensendes reden und sie dabei unterstützen. Das findet Hans-Joachim Willenbrink gut. Denn er hat die Erfahrung gemacht, dass es in einzelnen Krankheits-Konstellationen keinen anderen sinnvollen, würdigen Ausweg gibt.

Für bestimme Patientengruppen haben wir keine Antworten.

Bestimmte Stoffe, die einen sanften Tod herbeiführen können, müssen aus seiner Sicht in der Hand von Medizinern bleiben. Gleichzeitig macht er sich Sorgen: Jetzt können Menschen, die einfach des Lebens müde sind, mit Hilfe welcher Personen auch immer, ihren Tod herbeiführen. Schlimmstenfalls legen ihnen das manche Leute sogar noch nahe. Das darf nicht sein.

Eine "Kultur des Sterbens" ist eine gesellschaftliche Herausforderung

Mehr Pflegeheime, bessere Unterstützung schwerstkranker Menschen, deren Tage gezählt sind – für Hans-Joachim Willenbrink ist die Frage, wie wir mit immer mehr älter werdenden, oftmals kranken Menschen umgehen, nicht nur eine Sache der Ärzte, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Er hat als Vorsitzender des Fördervereins Palliativstation am Klinikum Links der Weser zuletzt eine Palliativ-Lotsin initiiert, die zu den Menschen nach Hause fährt und für die Betroffenen Pflegeanträge stellt, Betreuung organisiert und ihnen hilft, nach einer Krebsdiagnose und Behandlung im Krankenhaus einen geregelten Alltag zu meistern. Denn viele Menschen landen sonst wieder in den Krankenhäusern, obwohl sie dort gar nicht sein müssten. Die Gesellschaft habe hier noch viel zu lernen.

Wir müssen eine Kultur des Sterbens schaffen. Wir müssen darüber reden, wir müssen diesen Menschen Möglichkeiten bieten, würdevoll aus dem Leben zu scheiden. Wir erleben, dass immer mehr Menschen alleine leben. Wir müssen ihnen ein neues Zuhause geben in einer bestehenden Gesellschaft.

Ärzte müssen abwägen – und ehrlich sein

Hans-Joachim Willenbrink kritisiert die üblichen Zustände in Krankenhäusern. Er plädiert für eine bessere, andere Ausbildung der Ärzte, damit sie zu treffenderen Therapie-Entscheidungen kommen und die Behandlungen nicht aus aus wirtschaftlichen Interessen des Hauses durchführen.

Wir sind nicht ehrlich, diesen Patienten, diesen Menschen gegenüber, sondern sagen ganz häufig: "Ach da haben wir ja noch was." Und da ist einfach an das Gewissen des Arztes zu appellieren. Die Therapie-Entscheidung muss abgewogen werden, zwischen dem Wohl eines Patienten und dem, was ich erreichen kann.

Willenbrink hat Bremen zum Vorreiter der Palliativmedizin gemacht. Jetzt ist er 67, muss lernen abzuschalten. Der gelernte Schriftsetzer engagiert sich bei einem Druckerei-Museum in Hoya und freut sich über Freunde und Familie.

Moderation: Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 6. März 2020, 18:05 Uhr

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