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Hanns-Josef Ortheil

Schriftsteller

10. Januar 2019, 18:05 Uhr

Praktisch jeden Tag seines Lebens hat Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil etwas zu Papier gebracht. Hundertausende von Seiten sind es inzwischen. Der Großteil seines literarischen Schaffens ist aber nicht veröffentlicht. Das sei Arbeit für seinen Verlag, wenn er nicht mehr auf Erden sei, schmunzelte Hanns-Josef Ortheil als Frühlingsgast von Bremen Zwei in Oldenburg.

Hanns-Josef Ortheil [Quelle: Radio Bremen, Levke Behrens]

Seit vielen Jahren gehört Hanns-Josef Ortheil zu den beliebtesten und meist gelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Was wohl auch damit zu tun hat, dass er – im Gegensatz zu vielen seiner Schriftstellerkollegen – keine Scheu vor sympathischen Hauptfiguren und vor großer Liebe kennt. Leere Worthülsen und Plattitüden mag er aber gar nicht. Seit seinem achten Lebensjahr schreibt er täglich. Kein klassisches Tagebuch, aber "Notaten" – also kurze, in sich geschlossene Texte, die einen literarischen Charakter haben. Dafür trägt Ortheil immer ein Notizbuch bei sich.

Ich habe praktisch jeden Tag geschrieben. Nicht mit dem Anspruch, etwas Literarisches zuschreiben, sondern die Zeit und das, was um mich herum ist, festzuhalten. Und das ist das große Schreibnetz, in dem ich mich bewege.

Der Geschmack von Gin mit Zitrone

Jedes Jahr in den Sommerferien war der gebürtige Kölner mit seinem Vater unterwegs. Mal zu Fuß und ganz langsam durch Berlin, oder immer an der Mosel entlang. Dann die Schlussreise im Jahr 1967 von Antwerpen nach Istanbul  – mit dem Frachtschiff. Den Geschmack vom Gin mit Zitrone hat Hanns-Josef Ortheil noch auf der Zunge und "Penny Lane" von den Beatles im Ohr. Aber plötzlich war da die Erkenntnis: "Ich bin ein Außenseiter". Wie der Autor damals feststellte, lebte er in einem engen Kokon. Lernte seit er vier Jahre alt war Klavier, und in der Schule dann Latein und Griechisch.

Ich hatte noch nie in meinem Leben die Beatles gehört...

Auf der Fahrt über das Meer bekam der damals 15-Jährige dann den Einblick in eine ganz neue Welt. Festgehalten hat Hanns-Josef Ortheil diese Erkenntnis und andere im Buch "Mittelmeerreise" – aufgeschrieben 50 Jahre nach dieser Reise.

Das Thema ist eigentlich diese zwei alten Welten, die da aufeinander stoßen und die in mir lebten.
Die Bücher von Hanns-Josef Ortheil [Quelle: Radio Bremen, Levcke Behrens]
Die Bücher von Hanns-Josef Ortheil [Quelle: Radio Bremen, Levcke Behrens]

Die Beziehung zu seinem Vater war immer sehr eng. Vor seiner Geburt im Jahr 1951 hatten seine Eltern vier Söhne im Krieg und in der Nachkriegszeit verloren. Nach diesen traumatischen Ereignissen verstummte Ortheils Mutter und mit ihr der später geborene Sohn. Erst im Alter von acht Jahren fand Hanns-Josef Ortheil – auch eben durch die liebevolle Zuwendung und Förderung seines Vaters – zur Sprache zurück.

Das merkwürdige Kind lernte Klavierspielen

In seiner neuesten Erzählung "Wie ich Klavierspielen lernte" schildert er seine Anfänge als musikalisches Wunderkind und die manchmal skurrilen Seiten eines Lebens als Konzertpianist – eine Karriere, die er mit Anfang 20 krankheitsbedingt aufgeben musste. Seine erste Lehrerin damals: die eigene Mutter. Da beide nicht sprachen, kommunizierten sie nur durch Blick und das Gehör. Die Mutter spielte vor, der Sohn anschließend nach.

Das war für mich eine wunderbare Sache. Was ist schöner für ein Kind, das nicht gehört wird und das nicht weiter interessant ist? (...) Und dann kam dieser Moment: "Dieses Kind sitzt an einem Klavier und spielt plötzlich Stücke und kann was. Irgendwas kann es, von dem wir nie gedacht haben, dass es mal was können wird, dieses merkwürdige Kind."

Der kleine Hanns fing nicht nur an zu spielen, sondern er versuchte, das Klavier zu erforschen. Eine Liebe wurde entfacht. Sein großes Ziel: die Carnegie Hall in New York.

Und da wollte ich allein auftreten und nicht mit Orchester!
Hanns-Josef Ortheil und Katrin Krämer [Quelle: Radio Bremen, Levcke Behrens]
Bei bester Laune: Hanns-Josef Ortheil und Moderatorin Katrin Krämer in Oldenburg [Quelle: Radio Bremen, Levcke Behrens]

Auf dem Land im Westerwald – fern von der Mutter – versuchte Ortheils Vater, den Jungen "aufzuwecken".  Bei Spaziergängen erklärte er die Natur und versuchte, seinen Sohn dieselben Worte wiederholen zu lassen. Das Vokabular von Hanns-Josef Ortheil wuchs also jeden Tag an, nur nutzte er es nicht. Irgendwann hielt er die eigene Stille nicht mehr aus. Die ersten Worte nach Jahren des Schweigens: Der Zuruf "Gib doch mal her" zu zwei Jungs, die Fußball spielten.

Das Gespräch zum Anhören:
Aus der Stille in die Welt der Wörter – Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil [47:57 Minuten]

Moderation: Katrin Krämer

Buch-Tipp: Wie ich Klavierspielen lernte [4:13 Minuten]

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 15. Mai 2019, 18:05 Uhr

Weitere Informationen:

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